08.12.05, 11:07:28
Tommy Gärtner
Purple Queen
Lilly saß in einer pflanzenüberwucherten Zierlaube mitten auf dem Kurfürstendamm und ließ ihren Blick über die Reste der ehemaligen Fahrbahn streifen. Augenblicklich schossen dort Magnolienbäume in die Höhe, weiße Lilien, Hyazinthen und Lavendelpflanzen. Sie öffneten ihre Blütenkelche und schnappten begierig nach Luft, als seien sie gerade aus bösen Träumen erwacht.
"Mehr davon! Und viel größer", dachte Lilly. "Ein Meer soll es sein. Und auch andere Farben."
Sie brauchte sich nur leicht konzentrieren, schon stand ein Glas frischgepreßter Orangen vor ihr. Dem Abendhimmel verlieh sie, weil sie das so mochte, einen rötlichen Teint. Wind sollte sein, ja, auch das. Ein kleiner Wind, nicht viel , aber immerhin ein Lüftlein, das mit ihren Haaren spielen konnte und den Eindruck einer Außenwelt vermittelte.
So war es gut!
Jetzt zurücklehnen, den Gedanken an die eigene Urheberschaft der Landschaft löschen und nur noch genießen! Lilly schloß die Augen und ließ die Ereignisse der letzten Wochen wie einen bunten Film Revue passieren. Eigentlich hatte alles recht harmlos und spaßig angefangen...
I
Es war ein Montagmorgen, und Lilly betrat, wie so oft, den Frisiersalon mit kleinen müden Augen und großem gähnenden Mund. "Sie sind wieder einmal vom Wochenende gezeichnet, Frau Neuschäfer", pflegte der Chef zu sagen. "Wie soll das bloß mit Ihnen enden..."
Der Chef hatte recht. Er hatte zwar nicht oft recht, in dieser Sache aber schon. Die schrägen Wochenenden wollten in letzter Zeit einfach kein Ende nehmen. Laute, seltsame Musik, verwirrende Getränkemixturen, Tanzen bis der Arzt kommt - all dies, und auch das Wo, Wann und Warum, verschwamm in einem diffusen Nebel von Erinnerungsfragmenten, die nur durch den Oberbegriff "schräges Wochenende" zusammengehalten wurden. Das war vielleicht auf der einen Seite bedauerlich, auf der anderen Seite aber wiederum auch nicht.
Bedauerlich waren auf jeden Fall die grauen, nichtssagenden Alltagsgesichter der Kunden. Und es bedurfte wenig hellseherischer Fähigkeiten, um zu wissen, wer der erste dieser Kunden sein würde: nämlich der Süßholzraspler mit dem Vollmondgesicht. Der erschien jeden Montag auf der Bildfläche. Aber nicht, um sich die Haare schneiden zu lassen - es waren ja kaum noch welche da - sondern um sie vollzuquatschen.
"Gott sei Dank, ich dachte schon, Sie hätten heute frei", sagte er gleich, als er Lilly sah und erhob sich strahlend vom Stuhl. "Ich war zufällig hier in der Gegend, und da dachte ich mir: So ein Haarschnitt könnte jetzt sicher nicht schaden."
Kaum hatte der Mann im Behandlungsstuhl Platz genommen, schon ging der Vollmond auf.
"Ach wissen Sie, die Frauen der Tokawi-Stämme finden einen Mann nur dann anziehend, wenn er sich mit den Federn eines selbsterlegten Rupunga-Vogels schmücken kann. Was meinen Sie, ob das auch bei uns funktioniert?"
"Weiß nicht. Schon möglich."
Lilly beschleunigte ihr Arbeitstempo. Nicht zuletzt solcher Kunden wegen hatte sie den Ruf, eine der schnellsten Friseusen im Kiez zu sein.
"Gestatten Sie mir eine persönliche Frage?"
"Nein."
"Warum sind Sie eigentlich immer so kühl und abweisend? Sagen Sie doch Holger zu mir. Sehen Sie mal: Pflanzen brauchen Licht und Wasser, um zu leben. Ich aber könnte Ihnen Sekt anbieten heute abend. Und das Licht machen wir dann einfach aus."
Auf diese Weise setzte sich das Gespräch über zehn lange, qualvolle Minuten fort. Der Mann war ein geistiger Terrorist, und in Lilly entstand das äußerst lustvolle Bild, wie sie diesen Menschen einfach packte und der Länge nach durch die Schaufensterscheibe rammte.
Daß die Woche auf diese Weise anfing, daran hatte Lilly sich längst gewöhnt. Daß sich aber die Serie nervtötender Kunden bis hin zum Feierabend ohne Unterbrechung fortsetzen sollte, darauf war sie nicht vorbereitet.
Als nächstes betrat ein kleines, mickriges Pickelgesicht mit übergroßer Brille den Laden.
"Mein Name ist Schweiger", sagte er leise. "Theodor Schweiger. Und ich hätte gern einen Haarschnitt."
"Hier gibts nur Briefmarken", erwiderte Lilly gallig, langsam kam sie in Form. "Versuchen Sie es doch bitte drüben auf der Post."
"Danke", hauchte der Mann und verschwand dann zu ihrem Erstaunen tatsächlich. Das sollte doch nur ein Witz sein! Wie gut, daß der Chef gerade nicht zugegen war. Lilly beschloß, den nächsten Kunden freundlicher zu bedienen, wie widerlich dieser immer auch sein mochte.
Er war noch widerlicher, brachte sogar das Kunststück fertig, Lilly aus der Fassung zu bringen.
"Was meinen Sie mit *Facon-Schnitt*? Tut das weh?"
Lilly zuckte mit den Schultern. "In der Regel nicht."
"Meine Haare sind aber sehr empfindlich. Ich bin Musiker."
"Ach", machte Lilly und versuchte, ein interessiertes Lächeln aufzusetzen. "Welches Instrument spielen Sie denn?"
"Buschflöte. Sieht man mir das nicht an?"
"Doch, doch. Gut, beginnen wir also."
"Halt. Moment noch. Werden Sie mir auch kein Ohr abschneiden?"
"Bestimmt nicht", antwortete Lilly betont sanft.
"Und die Augen? Werden Sie auch darauf achten, mir nicht in die Augen zu stechen, mit dieser großen Schere?"
"Ich werde darauf achten."
"Und es tut auch bestimmt nicht weh?"
Der Mann begann, unruhig auf dem Sessel hin- und herzurutschen. Lilly verlor langsam die Geduld. "Wenn Sie nicht stillhalten, wirds schief", sagte sie.
"Schief?!" rief der Mann aufgeregt und machte eine scharfe Rechtsbewegung mit seinem Kopf. Beinahe wäre es passiert.
"Schief? Meine Haare schief?? Ich bin Musiker! Was glauben Sie, was die Leute denken? Haben Sie schon einmal einen Flötenspieler mit schiefen Haaren gesehen?"
Jetzt verlor Lilly ihre Fassung.
"Wenn sie nicht sofort stillhalten, verpasse ich Ihnen einen Haarschnitt, mit dem Sie sich die nächsten zehn Jahre nicht auf die Straße wagen werden. Ruhig geblieben jetzt!"
Der Mann gehorchte. "Sie haben schöne Augen", sagte er, offenbar, um sie zu besänftigen und gnädig zu stimmen. Lilly setzte die Schere an. Der Mann spürte das.
"Ganz bestimmt", sagte er und entzog ihr seinen Kopf. "Ihre Augen sind wie kandierte Mandeln, die in einem See saurer Sahne schwimmen."
Lilly lachte lautlos in sich hinein. Diese Nummer war eigentlich bühnenreif.
"Wollen Sie sich nun die Haare schneiden lassen, oder brauchen Sie erst eine Vollnarkose?" Das war jetzt schon der dritte Kunde, der extrem abweichendes Verhalten zeigte.
"Doch, doch", sagte der Mann und lehnte sich wieder zurück. "Ich halte ja schon still. Aber sagen Sie mir eines: Warum sind Sie so aufgeregt? Ist das Ihr erster Haarschnitt? Sie brauchen keine Angst zu haben, ich bin ja bei Ihnen. Alles wird wieder gut."
Lilly antwortete nicht, sondern legte gleich los, in einem Tempo, daß ihr unter Wettbewerbsbedingungen glatt den Meistertitel eingebracht hätte.
"Oh weh, au, au", jammerte der Flötenspieler die ganze Zeit über, die der Haarschnitt in Anspruch nahm.
"Fertig!" rief Lilly mit einer Mischung aus Stolz und Freude darüber, daß sie diese schwierige Aufgabe wieder einmal auf so wunderbare Weise gelöst hatte. Der Mann rutschte aus dem Sessel, ließ einen Hunderter auf den Boden sinken, krabbelte zur Tür und verschwand dann im aufheulenden Verkehr, ohne auch nur ein Wort des Dankes zu verschwenden.
"Der nächste bitte!"
Nun erhob sich eine geradezu unglaubliche Frau.
"Mein Name ist Lieselotte Weizenkorn."
"Weizenkorn?" Der Name kam Lilly bekannt vor. "Sind Sie sicher, daß Sie sich in der richtigen Geschichte befinden?"
"Ich habe einen Termin."
"Nehmen Sie bitte Platz."
Der Behandlungssessel ächzte und stöhnte unter diesem Gewicht, und es war ein Wunder, daß er nicht zusammenbrach. Nichts konnte diese Frau anscheinend von der Nahrungsaufnahme abhalten, denn während des gesamten Hairstylings stopfte sie unentwegt eigens mitgebrachte Sahnetörtchen und Schokotrüffel in sich hinein ("Es macht Ihnen doch nichts aus...?"), erzählte aber von nichts anderem, als von den vielen Diätkuren, die sie bereits gemacht haben wollte.
"Sie glauben ja gar nicht, wie sehr das stresst. Der ein oder andere Trüffel ist da schon erzwungen, um nicht völlig durchzudrehen. Hier, nehmen Sie mal einen. Beruhigt die Nerven."
Als Lilly um die Mittagszeit herum endlich im Pausenraum saß und lustlos an einer Käsestulle nagte, öffnete sich die Tür einen Spalt weit, und das melancholische Dackelgesicht des Chefs erschien.
"Frau Neuschäfer, um Himmels willen, was haben Sie nur für Kunden..."
Aber was konnte Lilly denn dafür? War sie etwa schuld daran, daß sich der Frisiersalon innerhalb eines einzigen Vormittags in ein Raritäten-Kabinett verwandelt hatte? Und dabei bildeten diese Ausnahme-Kunden bloß den Anfang, die Ouvertüre zu einem unerklärlichen Prozeß, der nach der Mittagspause in Gang kam.
II
Gleich zu Beginn der zweiten Runde steckte der Süßholzraspler noch einmal sein Montagsgesicht durch die Tür und sagte: "Entschuldigung, Frau Steilzahn, ich habe heute früh mein Buch hier liegenlassen. Und da ich gerade zufällig in der Gegend war..."
Sie drückte es ihm in die Hand und schob ihn zur Tür hinaus. Es handelte sich um einen Band mit dem Titel "Balzrituale aus aller Welt", wie sollte es anders sein, Lilly hatte in der Mittagspause darin geblättert. Es war schon erstaunlich, mit welcher Beharrlichkeit etwa die Hälfte der Weltbevölkerung auf diese invarianten, leicht zu durchschauenden Muster zurückgriff, ohne sich dabei als Vollidioten zu fühlen, und ohne daß dies für sie offenbar an Neuheit verlor.
Nun war der Süßholzraspler aber geradezu ein Musterknabe an Normalität, gemessen an den Gestalten, die nach ihm den Frisiersalon betraten. Viele von ihnen schienen längst vergangene Epochen der Menschheitsgeschichte zu repräsentieren; einige redeten in einer kunstvollen, fast unverständlichen Sprache, andere wiederum schwätzten dümmlich daher wie der Süßholzraspler. Eines aber, so fiel ihr auf, hatten alle gemeinsam: sie trugen Petersilie im Knopfloch, als handele es sich um das Abzeichen einer geheimen Zugehörigkeit.
Beim fünften Kunden siegte Lillys natürliche Neugier und sie fragte ganz unverblümt: "Was, um alles in der Welt, bedeutet bloß diese Petersilie?"
Der Angesprochene, ein altertümlich gekleideter Herr, der geradewegs dem 19.Jahrhundert entsprungen schien, sah ihr streng in die Augen, setzte sein Monokel auf und sagte dann betont langsam:
"Aber meine Dame! Welch eigentümliche Frage. Das wissen Sie nicht? Ein Bündel Petersilie im Knopfloch sieht nicht nur elegant aus, sondern gibt auch jederzeit Gelegenheit zu einer gesunden Zwischenmahlzeit. Und nun, meine Dame, setzen Sie bitte ihre exzitative Behandlung fort. Merci."
Der nächste Kunde setzte sich erst gar nicht in den Friserstuhl. "Ich möchte gar keinen Haarschnitt", erklärte er.
"Was möchten Sie dann?"
"Ich möchte einen Rat von Ihnen. Geben Sie mir bitte einen Rat."
"Was für einen Rat?"
"Ich mache stets alles falsch. Sagen Sie mir bitte, wie ichs richtig machen kann."
"Verstecken Sie sich den ganzen Tag unter Ihrem Bett. Dann können Sie auch nichts falsch machen."
In derartig idiotischen Dialogen war Lilly inzwischen geübt. So leicht wie am Vormittag brachte sie nichts mehr aus der Ruhe, weil sie darauf verzichtete, sich noch über irgendetwas zu wundern.
"Vielleicht heißt er Johann Nepomuk Rumpelstilz", dachte sie, als der nächste Kunde das Geschäft betrat. Es war ein unglaublich kleiner Kerl, der sofort auf den Sessel hopste und mit quäkender Stimme rief:
"Eine Abendfrisur bitte! Und entfernen Sie die bösen Haare bitte!"
Lilly wußte zwar nicht, was der Zwerg unter einer *Abendfrisur* verstand, vermutete aber, daß er dies selbst nicht wußte. Über die *bösen Haare* wurde sie jedoch augenblicklich aufgeklärt.
"Schauen Sie genau hin! Sehen Sie das?"
Selbstverständlich sah sie es. Es war ihr bereits an allen petersilientragenden Personen aufgefallen. Aber bislang hatte sich niemand darüber beschwert. Der kleine Kerl hier war der erste.
"Diese bösen Haare! Nehmen Sie sie weg!"
Es handelte sich um lila Strähnchen, die über den ganzen Kopf verteilt waren. Vielleicht war der Wicht gegen einen frisch gestrichenen Gartenzaun gelaufen.
"Bin ich nicht", knurrte der Zwerg grimmig, als habe er Lillys Gedanken erraten. "Diese bösen Haare, nehmen Sie sie weg!"
Lilly begann sogleich damit, die *bösen Haare* herauszuschneiden, machte dabei aber eine geradezu ungeheuerliche Entdeckung.
"Ihre Haare bewegen sich ja!" rief sie ganz aufgeregt.
"Na und? Sind schließlich meine Haare!"
Es war tatsächlich so. Näherte sich Lilly mit der Schere, so wichen ihr die Haare verängstigt aus, zog sie sich zurück, so richteten sie sich neugierig wieder auf. Und noch eines fand sie bemerkenswert: Da arbeitete sie nun schon eine halbe Stunde wie wild, und die Haare wurden kaum merklich kürzer. Ja, es war, als wüchsen sie auf der Stelle nach.
"Was ist denn da oben bloß los?" krächzte der Zwerg. "Werden Sie denn bald zum Ende kommen? Und sind die bösen Haare weg?"
Die *bösen Haare* waren in der Tat weg, Lilly hatte darauf ihre gesamte Energie konzentriert. Ob es sich allerdings hier noch um eine *Abendfrisur* handelte, darüber ließ sich streiten. War der Giftzwerg schon durch sein Äußeres gezeichnet, so gab ihm dieser *Haarschnitt* mit Sicherheit den Rest.
Lilly war zufrieden. Sie sah zur Wand. "Haare machen Leute", stand da auf einem goldenen Schild, das der Chef angebracht hatte. "Oder vernichten sie", ergänzte sie in Gedanken.
"Wunderbar!" rief der Zwerg, als sie ihm das Werk aus allen Spiegelperspektiven zeigte. "Einfach wun-der-bar! Selbstverständlich zahle ich nicht."
"Warum denn nicht?" fragte Lilly mit Unschuldsmiene.
"Zwerge zahlen nie. Oder haben Sie schon einmal einen Zwerg zahlen sehen? Zwerge haben nämlich kein Geld. Und weil ich heute mildtätig gestimmt bin, werde ich darauf verzichten, Sie zu verwünschen."
Nach allem, was Lilly heute erlebt hatte, fand sie diese Erklärung völlig ausreichend und zufriedenstellend. Und nicht verwünscht zu werden - was konnte einem Besseres widerfahren? Schien doch das Leben unter einem einzigen Bann zu stehen.
Der Rest ihres Arbeitstages stand ganz unter Zeichen lilafarbener Haare. Bis zum Feierabend riß die Kette verzweifelt jammernder Menschen, die ihre Haare kuriert haben wollten, nicht ab. Auch die Wartezimmer der Ärzte und Psychotherapeuten, so entnahm sie den Klagen, waren mit lilahaarigen Patienten überfüllt. Diese Epidemie, sofern es überhaupt eine war, verbreitete sich offenbar wie ein Lauffeuer übers ganze Land.
Kurz vor Ladenschluß sprang die Tür auf, und der Zwerg stürzte herein.
"Reklamation! Reklamation!" rief er, warf die Arme hoch in die Luft und hüpfte wie ein Springball durch das Geschäft. "Die bösen Haare sind wieder da! Und noch schlimmer als vorher!"
"Feierabend", sagte Lilly eisig. Sollte doch der Chef sich mit diesem Wicht auseinandersetzen. Der kam gerade aus dem Lagerraum und strahlte übers ganze Gesicht. "Schauen Sie doch, was mir passiert ist, Frau Neuschäfer. Und das auf meine alten Tage!"
Der Chef sah aus wie eine Leuchtrakete, die jemand am Boden gezündet hatte. Aber mit den lila Haaren wuchs offenbar auch bei so manchen Klienten die gute Laune. Den Chef hier hatte sie noch nie in so guter emotionaler Verfassung gesehen.
"Ich werde Sie morgen in Behandlung nehmen", lachte Lilly und verschwand wie weggeweht in ihre Freizeit.
III
Rings um ihr Bett herum und oben an der Decke hatte Lilly riesige Spiegelflächen installieren lassen. So konnte sie gleich nach dem Erwachen feststellen, welchen Schaden ihre Frisur während der nächtlichen Bewußtlosigkeit genommen hatte.
An diesem Morgen hielten die Spiegelchen eine Überraschung bereit, die für Adrenalinstöße der besonderen Klasse sorgte. Unter ihrem dichten Haarschopf schimmerte ein beunruhigender Lilaton durch, schwach, aber dennoch nicht wegzudiskutieren. Genau das hatte ihr gefehlt. Und zwar so wie ein Loch im Kopf.
"Und auch du..."
Die Angesprochene, die wie Blei in Lillys Magengrube gelegen hatte, richtete sich auf und starrte sie mit großen Augen an. Sicher, über anderer Leute Tiere, die über Nacht Punk geworden sind, lacht man gern und herzlich. Passiert es allerdings der eigenen Katze, bleibt das Lachen charakteristischerweise im Halse stecken. Lilly konnte sich nicht entscheiden, wen von beiden sie mehr bedauern sollte: Mickey oder sich selbst. Selbstverständlich war an ein Erscheinen auf Arbeit nicht mehr zu denken, nicht in diesem Zustand, und so hauchte sie nur ein *Ich-fühle-mich-schwach* ins Telefon.
In den folgenden Stunden unternahm Lilly alles, um die violette Katastrophe zu neutralisieren. Aber das Lila trotzte hartnäckig allen Anfeindungen, ja, mit jedem Einsatz von Entfärbern intensivierte es sich sogar! Wie, um alles in der Welt, sollte sie ihren Kunden helfen können, wenn sie als ausgebildete Friseuse nicht einmal die eigenen Haare im Griff hatte? Mit der neuen Haarfarbe war sie so überzeugend wie ein Glatzkopf, der Reklame für irgendein Haarwuchsmittel macht.
Die Radiostationen meldeten die Einberufung von Krisensitzungen. Von einer möglichen Verhängung des Ausnahmezustands war die Rede. Und die Menschen sollten doch bitte vorerst in ihren Häusern bleiben, bis die Ursache der Epidemie geklärt sei.
Das waren niederschmetternde Nachrichten. Auch die Nachbarn trauten sich offenbar nicht aus ihrem Versteck. Das Treppenhaus, in dem sonst ein unaufhörliches Kommen und Gehen herrschte, lag wie ausgestorben. Nicht einmal die überaus bewegungssüchtige Kuhlschmidt, die bei der Verbreitung von Neuigkeiten schneller war als das Internet, ließ sich blicken. Einzig Herrn Scholz sah Lilly, allerdings nur für Bruchteile von Sekunden, wie er gerade seinen Kopf zur Tür heraussteckte und ihn schnell wieder zurückzog, als er merkte, daß sie ihn beobachtete. Tatsächlich, die neue Haarfarbe schien sich allmählich zu einem allgemeinen Problem zu entwickeln.
Die düstere Stimmung wich aber seltsamerweise im Laufe des Nachmittags einer unerklärlichen Heiterkeit. Je länger Lilly über die Dinge nachdachte, desto vernünftiger und plausibler erschienen sie ihr. Jawohl, die Menschen hatten nun lila Haare. Na und? Warum auch nicht? Welche andere Farbe sollte es denn, bitte schön, sonst sein?
Brünett? Albern.
Blond? Lächerlich.
Rot? Unecht.
Schwarz? Nichtssagend.
Grau? Der Anfang vom Ende.
Wenn den Bäumen grüne Haare wuchsen, warum dann nicht den Menschen lilafarbene? Und je mehr sich Lilly mit ihren lila Haaren verschwisterte, sie akzeptierte, ja sogar ein wenig mochte, desto intensiver leuchteten und glänzten sie. Es war geradezu ein ästhetischer Genuß, in den Spiegel zu schauen - der Anblick erfüllte sie mit einer gehörigen Portion Stolz. Auch Mickey war längst hinter dem Schrank hervorgekrochen. Offenbar hatte sie den entsetzten Ausruf Lillys verarbeitet und fühlte sich nicht mehr schuldig.
Es dämmerte, und ihr kam plötzlich der Gedanke, daß dieser Abend eine entscheidende Wendung in ihr Leben bringen konnte. Unruhig lief sie in der Wohnung auf und ab, aufgeregt wie ein junges Mädchen, das zum ersten Mal im Leben ein Rendesvouz hat. Verwirrende Bilder schossen ihr durch den Kopf. Bilder, die Konfetti und Luftballons zeigten, in einer Deutlichkeit, als könne sie zugreifen, ohne dabei ins Leere zu fassen, und ihr kamen Ideen, wie sie sie nie zuvor gehabt hatte. Neugierig schaltete sie den Fernseher ein, um zu erfahren, wie die Medien auf die neuesten Entwicklungen reagierten.
Auf allen Kanälen gab es hitzige Diskussionsrunden mit Politikern und Wissenschaftlern, die das Unerklärliche zu erklären versuchten und sich in Mutmaßungen über mögliche Ursachen ergingen, ohne dabei allerdings zu Ergebnissen zu gelangen. "Unsere Laborexperten arbeiten an dem Problem" - das war die meistgebrauchte Verlegenheitsfloskel zwischen den ausufernden Spekulationen der Diskutanten.
Ein längst ergrauter, jetzt aber sichtlich wieder aufgehellter Chemie-Professor vermutete, ein Geistesgestörter habe das Trinkwasser mit halluzinogenen Substanzen verseucht.
"Und was wir hier erleben, meine Damen und Herren, ist das Resultat eines dramatisch veränderten Denkprozesses, eine kollektive Halluzination, wenn Sie so wollen. Für diese These sprechen auch die geradezu blödsinnigen Heiterkeitsausbrüche, die wir an allen Betroffenen feststellen können. Ein für LSD-User durchaus typisches Verhalten, hihi."
Dem widersprachen die Fachkollegen mit dem Argument, ein derart langanhaltender Trip sei neurochemisch gar nicht möglich. Tiefenpsychologe Rauschenbach erinnerte zudem daran, daß halluzinogene Wahrnehmungveränderung stets von der Individualpsyche abhängig sei und sich keineswegs in gemeinsam geteilten Beobachtungsinhalten äußern könnte.
Ein Religionsexperte brachte die *Apokalyptischen Reiter* aus der Johannes-Offenbarung ins Spiel und zog Verhaltensweisen der Einkehr und der Buße in Erwägung, mußte dann aber seinen Appell aufgrund eines prustenden Lachanfalls vorzeitig beenden.
"Und, Herr Kollege", gluckste Rauschenbach, "bei allem Verständnis für die Verschiedenfarbigkeit der Pferde in der biblischen Apokalypse - ein violettes ist nicht dabei." Im Studio kam Stimmung auf.
Chefredakteur Kornfogel vom Magazin *Sie sind da* verwies auf jüngste Sichtungen von zigarrenförmigen Objekten im Amazonas-Gebiet. Irgendein Molekularbiologe wollte Anzeichen einer Mutation im Genmaterial entdeckt haben. Linke Politiker verdächtigten den CIA, rechte den KGB.
Schon wenig später hörten sich diese Menschen allerdings nicht mehr zu, sondern waren längst mit anderen und wichtigeren Dingen beschäftigt. Der Moderator faltete aus seinem Manuskript Papierflieger und überführte sie dann in elegantem Gleitflug auf die gegenüberliegende Seite, wo sie von Prof. Rugenstein gewissenhaft auf aerodynamische Verbesserungsfähigkeit hin überprüft wurden. Kameramänner jonglierten kunstvoll mit Mikrofonen und Stativen, der Astrologe erstellte ein Jahreshoroskop für den Intendanten und die Politiker spielten *Schnipp-Schnapp-Scher". Irgendwann ragte dann das blasse Gesicht des Regieassistenten von oben her in den Bildschirm und sagte:
"Wir haben jetzt keine Lust mehr zu senden. Bitte machen Sie sich Ihr Programm selbst."
Und der Bildschirm wurde dunkel.
Lilly hätte ohnehin abgeschaltet. Denn ihr kam es mit einem Mal absurd vor, in einen kleinen Kasten zu starren, Fremderlebnisse zu konsumieren und sich irgendein Geblubber anzuhören. Ohne sagen zu können, warum, bemalte sie ihre Zehennägel mit Leuchtfarbe und machte sich barfuß auf den Weg zur Philharmonie. Sie spürte deutlich, daß dort Händels Feuerwerksmusik zum Vortrag kommen würde. Genau der richtige Sound, um die Genetiker, Chemiker und Religionsexperten runterzuspülen.
IV
Am nächsten Morgen wurde Lilly von einem ohrenbetäubenden Lärm aus dem Schlaf gerissen. Vor Schreck purzelte sie aus dem Bett und landete recht unsanft auf dem harten Pakettboden. Schäumend vor Wut zog sie die Flügeltüren zu ihrem Balkon auf und krabbelte ins Freie. Es dauerte eine Weile, bis sie sich am Balkongeländer hochgezogen hatte.
Die Straßenszenerie, die sich da vor ihr auftat, spottete jeder Beschreibung. Überall standen sie, die PKWs: in Toreinfahrten, auf Gehwegen und Kreuzungen, hinter Straßenlaternen und vor Reklametafeln, kreuz und quer. Und mit geöffneten Türen und Kühlerhauben. Offenbar hatten die Menschen ihre Fahrzeuge von der einen Minute auf die andere fluchtartig verlassen. Nur ein einziges, knallbunt angemaltes Auto tuckerte im Schrittempo durch die Straße; es war der Dienstwagen des Oberbürgermeisters.
"Achtung, Achtung!" dröhnte eine Lautsprecherstimme von unten; es hallte wie in einer Kirche.
"Hört alle her! Es spricht der Oberbürgermeister Dr.Fridolin Wummelmann!"
Auch auf den gegenüberliegenden Balkons standen Menschen und schauten mit großen, verschlafenen Augen auf die Straße. Leuchtend violette Köpfe, wohin sich Lillys Blick immer auch wendete!
"Mitbürgerinnen und Mitbürger! Sie alle wissen, was sich in unserer Stadt ereignet hat. Ungeheuerliches geschieht, und es nimmt kein Ende!"
"Jawohl, jawohl", murmelten die Menschen, und einige begannen zu klatschen.
"Aber noch ist es nicht zu spät! Wir müssen etwas unternehmen und wir werden etwas unternehmen!"
"Ja, unternehmen!" rief jemand und schüttete vom Balkon aus einen Eimer Konfetti über den Wagen. Lilly war beindruckt von der Entschlossenheit, mit der Wummelmann auftrat.
"Schluß mit dem violetten Chaos! Unsere Stadt darf nicht verkommen zu einer Bühne für Gaukler und Komiker! Deshalb..."
Der Rest ging in den Beifallsstürmen der nun tobenden Menge unter.
"Wummelmann! Wummelmann!" riefen die Leute im Chor und bewarfen Wummelmanns Fahrzeug mit weißen Nelken, Luftschlangen und Karamellbonbons. Wummelmann selbst benutzte diese Unterbrechung zu einer internen Auseinandersetzung im Wageninneren.
"Nicht doch, Frau Glockenkamp", drang es verhalten aus dem Lautsprecher. "Nicht hier, nicht jetzt."
"Wieso nicht?" sagte dann eine beleidigte weibliche Stimme. "Im Fahrstuhl ging es doch auch."
Nun erhob Wummelmann wieder seine Stimme. Lilly konnte den Wagen kaum noch erkennen, denn die Luft war erfüllt von wirbelndem Konfetti und bunten Luftballons.
"Deshalb", sagte er, "deshalb bitte ich Sie - nein, ich fordere Sie auf: Unterdrücken Sie ab sofort jegliche Pointe! Das ist wichtig! Denn der einzige..."
Wummelmann begann, kindisch zu kichern und zu glucksen. Die Menschen rasten vor Begeisterung.
"Denn der einzige, der hier die Witze machen sollte, das bin ich, euer Wummi!"
Nun gab es kein Halten mehr. Die Leute strömten aus ihren Häusern, hoben das Fahrzeug in die Luft und marschierten damit die Straße entlang, wie mit einer riesigen Trophäe, der aufgehenden Sonne entgegen.
Lilly sah der Prozession nach. "Und außerdem sollten wir etwas gegen diese erschreckende Petersilien-Knappheit unternehmen", hörte sie noch die schwächer werdende Stimme des Oberbürgermeisters aus der Ferne.
Lilly kehrte nachdenklich in die Wohnung zurück. Offenbar schlug hier irgendwer ein neues Kapitel der Menschheitsgeschichte auf. Innerhalb von nur zwei Tagen hatte sich die Welt verwandelt in eine Welt, die ganz anders war als sonst, und die vor Geheimnissen nur so knisterte. Vielleicht wuchsen den Menschen unsichtbare Flügel; vielleicht waren alle auf Entdeckungsfahrt.
Und schlagartig erkannte Lilly, daß sie eigentlich ihr ganzes Leben darauf gewartet hatte, daß der Vorhang endlich hochging und das Leben anfing.
Eine große Tasse heißen, dampfenden Kaffees - das wäre es jetzt, das, und nichts anderes! Im selben Augenblick, in dem sie dies dachte, vernahm sie angenehm knarrende Geräusche aus der Küche, die darauf schließen ließen, daß die Kaffeemaschine ihren Betrieb aufgenommen hatte und auf Touren kam.
V
In den folgenden Tagen fühlte Lilly seltsame Fähigkeiten in sich wachsen, und zwar in einem derartig rasanten Tempo, daß ihr angst und bange wurde. Stimmte es, daß der Großteil des menschlichen Gehirns im Normalfall brachlag, so schien sich das nun schlagartig zu ändern. Aber offenbar war sie nicht die einzige, der es so erging. Zur Lotto-Königin geworden zu sein, der geheime Traum ihres Lebens, mochte zwar für gewisse Zeit ein erregendes Gefühl vermitteln. Aber nur bis zu dem Zeitpunkt, an dem sich bei Bekanntgabe der Quoten ein Gewinn von 8,70 € herausstellte, weil über zwei Millionen Spieler ebenfalls einen Volltreffer erzielt hatten.
Die große Mehrheit der Bevölkerung verständigte sich bereits durch Gedankenübertragung. Nur kleine Kinder und Halbwüchsige waren noch auf die Produktion von Lauten angewiesen. Einige wenige konnten bereits leichte Gegenstände hin- und herbewegen, ohne sie zu berühren, und täglich wurden es mehr.
Seltsamerweise lag Lilly innerhalb dieser Evolution an einsamer Spitze. Sie schuf Dinge und Gegenstände buchstäblich aus dem Nichts, einfach dadurch, daß sie es sich intensiv vorstellte - ein Umstand, der ihr den Namen "Purple Queen" einbrachte.
Das Erstaunliche an der brandneuesten Entwicklung aber war, daß sich die Kräfte der Menschen offenbar vervielfachten, sobald sie sich zusammenschlossen und sich gemeinsam auf eine Vorstellung konzentrierten. Überall in der Stadt entstanden Parteien und Splitterparteien und Splitterparteien der Splitterparteien, die sich gegenseitig mit ihren geistigen Produkten überraschten.
Die gefährlichste dieser Gruppierungen war zweifelsohne die sogenannte Nightmare Connection, der es gelungen war, eine Handvoll grauenhafter Kreaturen zu visualisieren, die nun in der nächtlichen Stadt umherstrichen und Angst und Schrecken verbreiteten. Wo immer sie auf diese traf - Lilly löschte sie ohne Probleme. Allerdings wuchs die Macht der Nightmare Connection von Stunde zu Stunde. Und sie warb aggressiv um Mitgliedschaft auf zahlreichen Plakaten, Spruchbändern, Leuchtreklamen an allen möglichen Straßenecken, Brückenpfeilern und Häuserwänden.
Join to Halloween!
Join to Nightmare Connection!
The only way to survive.
Bald traute sich niemand mehr allein auf die Straße, außer Lilly, die mit großen, erstaunten Augen die rasante Veränderung der Welt registrierte. Und ihre Haare wurden violetter und violetter, bis sie schließlich von einem fluoreszierenden Lichkegel umgeben war, der selbst im Dunkeln leuchtete.
Als Gegenspieler zur Nightmare Connection gewann eine weitere Gruppe an Bedeutung, die sich Die Romantiker nannte. Diese losen Ansammlungen von Schöngeistern und Träumern hatten sich in einem Stadtteil verschanzt - das sogenannte "Romantiker-Viertel" -, wo sie sich in einem selbsterschaffenen Meer aus Farben, Formen und Lichtern aalten.
Lilly beobachtete die kleinen Rangeleien und Machtkämpfe dieser Gruppierungen zunächst mit einiger Belustigung. Visualisierten etwa die Nightmare-Leute einen riesigen Menschenaffen, der nächtens wie verrückt gegen den Kirchturm trommelte, so schickten wenig später schon die Romantiker eine wunderschöne Märchenfee aus, die das Ungeheuer mit einem funkensprühenden Zauberstab in einen quakenden Frosch verwandelte.
Und noch eine Organisation mischte mit in diesem bunten Reigen: Die VK-Vereinigte Konsumenten. Die Mehrzahl der Bevölkerung war schon zu ihnen übergelaufen. Mitglieder der VK taten nichts anderes als dieses: Sie lagen den lieben, langen Tag auf dem Rücken, schütteten Erdbeeren und Champagner in sich hinein, rauchten Marihuana und taten noch einige andere Dinge, die im Rahmen einer jugendfreien Erzählung überhaupt nicht näher beschrieben werden können. Als Steuer hatte jeder einzelne von ihnen ein bestimmtes geistiges Energiequantum zu entrichten, das dazu benutzt wurde, ein riesiges Kraftfeld aufzubauen, um so das Konsumgebiet vor Übergriffen der Romantiker oder der Nightmare Connection zu schützen.
Eine vierte Gruppe blieb ohne praktische Bedeutung: Die Spirituellen. Diese hatten schon gleich zu Anfang jedwede Kampfhandlung eingestellt und ihren Körper aufgegeben, um sich als reine Energiewesen auf eine unerreichbare Wirklichkeitsebene zurückzuziehen.
Lilly machte es sich zur Gewohnheit, lange Wanderungen durch die mitternächtliche Stadt zu unternehmen und dabei den bunten Film von Zauber und Gegenzauber zu genießen. Gleichzeitig spürte sie aber auch, wie die Gefahr unaufhörlich wuchs. Was, wenn diese harmlosen Streiche der Imagination lebensbedrohliche Ausmaße annähmen? Und gerade davon bekam sie in der darauffolgenden Woche eine Kostprobe der ganz besonderen Art.
VI
In den letzten drei Tagen war Lilly zu Hause geblieben. Sie verzichtete auf eine weitere Verfolgung der Dinge, um ihre eigenen geistigen Kräfte zu schulen und zu vervollständigen. Kurz vor Mitternacht klingelte das Telefon.
"Lilly, liebste Lilly, hilf mir, ich bin in großer Gefahr", flüsterte eine Stimme aus dem Hörer. Es war Bodo, ihr Ex-Freund.
"Was gibts denn?"
Ihr war so, als sei eine maßlose Übertreibung im Spiel, sie konnte aber seltsamerweise nichts Genaues erkennen.
"Ich bin umzingelt. Kann die Angriffe nicht mehr lange abwehren."
Lilly versuchte, einen Kontakt herzustellen, prallte dabei aber auf ein starkes energetisches Feld, das keinerlei Information passieren ließ. Außer der, daß Bodo in seiner Wohnung stand, mit dem Rücken zur Wand. Dort, wo er früher immer gestanden hatte, wenn es zu Auseinandersetzungen gekommen war. Eine direkte Lokalisierung der Gefahrenquelle ließ das Feld nicht zu. Vielleicht hatte Bodo gerade deshalb diese archaisch-physische Methode der Kontaktaufnahme gewählt.
"Ich bin gleich da."
"Nein, nein", wehrte die Stimme beschwörend ab. "Nimm die U-Bahn. Sie dürfen keinen Verdacht schöpfen. Bitte....schnell..."
"Sie? Wer ist sie?"
"Bitte...schnell..."
Und ein Besetztzeichen beendete das Gespräch.
Eine blöde Frage eigentlich, wer mit sie gemeint war. Im Grunde wußte Lilly es ja. Und die Idee mit der U-Bahn war völlig korrekt gedacht. Ein so starkes Energiefeld wie das ihre würden die Nightmare-Leute im Falle einer unmittelbaren Materialisierung in Bodos Wohnung auf der Stelle ausgemacht und unter Beschuß genommen haben. Zudem wurde das gesamte U-Bahnnetz von den Romantikern kontrolliert, die ihr keineswegs feindlich gesonnen waren. Mit Ausnahme einiger alberner Scherze hatte sie nichts zu befürchten.
Dem lange nicht benutzten U-Bahneingang war eine erstaunliche Veränderung widerfahren. Irgendein Witzbold hatte das Hallesche Tor umgetauft. Höllisches Tor stand da jetzt in großer, zittriger Schrift. Und darunter: Tanzen strengstens verboten!
Unten war alles normal - gemessen natürlich an der Logik romantischer Welten. Ihr war, als trete sie in ein riesiges Treibhaus ein, ein Treibhaus mit einer üppigen, tropischen Vegetation, so weit das Auge reichte. Hinten, in der Tiefe des Raumes, huschten einige goldene Schlangen über die Gleise und verschwanden im angrenzenden Gebüsch.
Und schon eilte ein Zug mit großem Getöse heran. Überrascht beobachtete Lilly, wie sich die Vorderfront des Steuerwagens in eine grinsende Fratze verwandelte. Der Zug öffnete sein riesiges Maul und gab lange, nadelspitze Zähne zur Ansicht. Eine blutrote Zunge schoß heraus und tastete schmatzend über die Schienen. Dann stoppte der Koloß, und die Türen sprangen auf. Die Waggons waren menschenleer.
"Bitte erst einsteigen am Tag des Untergangs!" dröhnte eine Baßstimme aus dem Lautsprecher.
Welch ein gigantischer Witz! Wer immer sich diese Vision ausgedacht hate, der Mensch hatte Humor. Es war beeindruckend, daß den Romantikern die Scherze offenbar nie ausgingen. Die übrigen Fahrgäste standen verstreut auf dem Bahnsteig und kehrten Lilly den Rücken zu. Niemand schien das Bedürfnis zu verspüren, befördert zu werden.
"Und nun unser heutiges, romantisches Angebot!" lachte die Lautsprecherstimme, jetzt auf einmal hell und freundlich. "Die Fahrt ist frei!"
Belustigt stieg Lilly ein. Die Tür schloß sich, der Zug rollte an. Da drehten sich die Gestalten auf dem Bahnsteig wie auf Kommando um, und Lilly sah in aschfahle Totenschädel-Gesichter hinein. Und schon tauchte der Zug in die Dunkelheit des Tunnels ein. Die Beleuchtung erlosch schlagartig.
"Lilly-Liebling", flüsterte plötzlich eine höhnische Stimme aus dem Innenlautsprecher. "Hier spricht dein Bodo-Schatzi. Wie wärs mit einer Reise ins Wunderland?"
Jetzt erkannte Lilly die nahezu perfekt gemachte Fälschung.
"Und ab geht die Post! Die Show für unsere Purple Queen kann beginnen!"
Ein metallisches Gelächter folgte, und der Zug beschleunigte in atemberaubendem Tempo. Ihr war klar, wohin die Reise führen sollte: mitten ins Machtzentrum der Nightmare Connection. Dank ihrer hervorragend leuchtenden Haare konnte Lilly auch im Dunkeln einigermaßen sehen. Da war die Notbremse. Was, wenn sie am Griff zöge?
Aber es stand da ja eindeutig geschrieben: Nicht "Notbremse", sondern "Todbremse". Sie wußte, daß sie verloren war, hatte sie sich erst einmal auf die Logik der Halloween-Welt eingelassen. "Ich muß den U-Bahnbetrieb normalisieren, um diesen Zug zu stoppen", ging es ihr durch den Kopf.
Was aber war für eine Vollbremsung normal? Ein Rotsignal. Für einen Geisterzug? Nein. Aber für einen überaus pflichteifrigen Zugführer, der vorn im Triebwagen saß und den Tunnel scharf beobachtete, ja, geradezu spießig genau beobachtete. Ein Beamter, der so beamtenmäßig drauf war, daß ihn seine Bekannten schon wieder "Sponti" nannten. So in der Art mußte es sein. Das war es!
In zwei rasch aufeinanderfolgenden Schüben visualisierte Lilly beides, sowohl Zugführer als auch Rotsignal, und der Zug kam mit einem schrillen Kreischen zum Stillstand. Zu groß war offenbar der Überraschungseffekt für die Nightmare-Leute, als daß sie schnell genug darauf hätten reagieren können. Eine dritte Gedankenprojektion zerschmetterte die Waggontür. Lilly sprang in die Finsternis des Tunnels.
Gelbe, katzenartige Augen starrten ihr entgegen, pelzige, naßkalte Klauen tasteten nach ihr, und sie fühlte, wie ein Stein sie an der Schläfe traf. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihren Körper, eine warme Flüssigkeit lief ihr den Hals hinunter.
Jetzt bloß nicht das Bewußtsein verlieren. Ein Kraftfeld. Um den Körper.
Elektrische Funken sprühten, es roch nach Angebranntem (wie zu ihren Zeiten als Küchenhilfe im Hotel "Mercure"). Jammernd zogen sich die pelzigen Kreaturen zurück (wie damals die Hotelgäste), um wenig später allerdings erneut anzugreifen. Lange konnte sie diesen energieraubenden Schutzschirm nicht aufrechterhalten, so viel war ihr klar.
Lilly ließ das Bild einer Leiter in sich entstehen, eine dünne, schwache Strickleiter, zu mehr reichte es nicht, und zog sich, Sprosse für Sprosse, mit bereits vergendem Bewußtsein, daran hoch. Pelzige Pfoten griffen wieder nach ihr, sie trat mit dem freien Fuß zurück und wäre dabei um ein Haar abgestürzt.
Irgendwann, sie wußte nicht wie und warum, fand sie sich im Freien wieder, auf dem Rücken liegend, alle Viere von sich gestreckt wie ein riesiger Käfer und schaute in den blauen Himmel. Die grauenhaften Kreaturen folgten ihr nicht, konnten ihr nicht folgen, denn offenbar fand die Macht der Nightmare-Connection hier ihre Grenze.
Eine helle freundliche Waldlandschaft, zirpende Grillen im grünen Gras, zwitschernde Vögel in den Baumkronen, in weiter Ferne ein weißlich schimmerndes Schlößchen mit roten Zinnhäubchen, auf hohem Fels, in lila Wolken getaucht - kein Zweifel, sie war gerettet, denn ein derartig kompaktes Naturkitsch-Szenario ließ nur einen Schluß zu: Sie befand sich offenbar mitten im Märchenwald der Romantiker. Und Petersilie, so weit das Auge reichte...
VII
All diese Ereignisse hatte sich Lilly ins Gedächtnis gerufen, als sie in der Zierlaube auf dem Kurfürstendamm saß, inmitten ihrer kleinen, aber selbsterschaffenen Welt. Ein inneres Bild verriet ihr, daß Schattengestalten bereits um die Gedächtniskirche strichen. Verschwände aber die Abendsonne endgültig am Horizont, so stiege die Macht der Nächtlichen ins Unabsehbare. Schon jetzt bedurfte es eines erheblichen Energieaufwands, um sich dem Andrang der Nightmare Connection zu widersetzen und ihre kleine Welt zu behaupten. Eine Invasion war durchaus möglich; das zwang dazu, die Aufmerksamkeit auf Fluchttüren und dahinter verborgenen Welten zu richten.
Lilly befestigte die Grenzen mit Riesenpetersilie, die überall, hier wie dort, in die Höhe schoß und die Angreifer veranlaßte, sich erst einmal angewidert zurückzuziehen. Die den Rückzug nicht geschafft hatten, lagen im Gras, hielten sich die Bäuche und kämpften gegen Brechreiz und Kopfschmerzen an. Lilly hatte große Lust, eine Handvoll tanzwütiger Tango-Lehrer dort hinzuschicken, um ihnen den Rest zu geben. Allerdings brauchte sie ihre Energie für etwas, das sie bisher noch nie in großem Stil erprobt hatte: den gedanklichen Sprung in parallele Zukunftslandschaften.
Die erste Vision zeigte sie in einer Welt, in der sie sich die Brötchen von den Bäumen schüttelte und den Wein aus Brunnen hochzog, eine Welt der Gefräßigkeitswettbewerbe und des endlosen Hängemattenliegens. Die Zeit wälzte sich dahin wie ein Strom aus Honig, der von einem Ende ans andere und wieder zurück gepumpt wurde.
In der zweiten Vision sah sich Lilly in einem weiträumigen Land der Illusionen herumirren. Kaum, daß sie festen Boden unter den Füßen spürte, fühlte sie sich von Hunderten eingekreist, die mit großen Augen dastanden und auf immer neue und wundersamere Verwandlungen ihrer Welt warteten. Das war erschreckend und faszinierend zugleich.
In der dritten Vision stieß sie auf einen befremdlichen Bereich, der von den Empfindungen, Ideen und Überzeugungen derer durchdrungen war, die auf dieser Ebene existierten. Es fühlte sich an wie das Eintauchen in einen riesigen Bewußtseinsstrom, und Lilly zog sich augenblicklich zurück.
Der letzte Film handelte vom Leben in einer Welt der Kampfhandlungen. Die Vision gabelte sich in zwei analoge Geschehensverläufe. Der erste zeigte das Ende einer Alptraumwelt; sie verflüchtigte sich zu schwachen Nachbildern in den Nachtträumen der Menschen, um schließlich ganz zu verlöschen. Die andere Vision führte vor, wie Kreaturen in Lillys Landschaft eindrangen und sie unwiderbringlich verwüsteten.
Es dämmerte. Drei Türen standen offen. Und selbstverständlich auch die Option, keine von ihnen zu nutzen, die vierte Tür.