30.01.10, 14:28:58
Marcia
Wohl denen, die mit Prinzipien groß geworden sind! Das Leben wäre kompliziert und unüberschaubar, wenn es sie nicht gäbe! Manche Prinzipien oder Regeln sind einleuchtend, aber der Großteil von ihnen, vermute ich, war irgendwann nur da.
Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Was du anfängst, musst du zu Ende bringen. Niemand kann zwei Herren dienen… Irgendwo musste ich das aufgeschnappt haben, denn irgendwann meinte ich, mich entscheiden zu müssen zwischen Malen und Schreiben. Eines von beiden richtig tun statt jedes ein bisschen, eine Sache durchziehen, zu Ende bringen. Prinzipien eben!
Ich entschied ich mich für das Schreiben, weil es den besonders präzisen Ausdruck ermöglicht. Später entschied ich mich noch für andere Sachen, die das Schreiben in den Hintergrund drängten. Aber während ich das Schreiben nie ganz aufgab, war es mit dem Malen lange Zeit vorbei.
Als wir Bilder für das Wohnzimmer benötigten und ich zum ersten Mal den Unterschied zwischen einem Kunstdruck und einem Ölbild sah, begann ich wieder zu malen, denn es war mir zu kostspielig, Ölbilder zu kaufen, und Kunstdrucke wollte ich im Wohnzimmer nicht haben. Von da an habe ich ab und an ein Bild gemalt, wenn ich Lust dazu hatte. Ich betrachtete es als Spielerei für seltene Mußestunden.
Schreiben ist für mich in erster Linie Kopfarbeit: Wenn ich dem Kopf nicht die Führung überlasse, ist das Resultat gerade noch für den Papierkorb gut.
Es ist beruhigend, zu wissen, was man will und was man gut findet, aber die Gefahr, einseitig und festgefahren zu sein, ist groß. Ansprüche können lähmen, Perfektionismus kann Freude und Kreativität versiegen lassen.
Ich habe wieder zu malen begonnen. Zunächst musste es ein fester Termin sein, ein Volkshochschulkurs, denn Spielereien stehen auf meiner Prioritätenliste so weit am Ende, dass sie immer wieder verschoben werden.
Die Leiterin des Mal- und Zeichenkurses ist ein Glücksfall. Sie ermutigt die Teilnehmer, statt sie zu bremsen. Die Aufgabenstellungen sind nur Vorschläge; Abweichungen und Variationen sind gern gesehen. Sie gesteht jedem seine eigene Handschrift zu. Das Lernklima an der Volkshochschule ist angenehm und fruchtbar. Diese Feststellung kann ich allgemein treffen, freue mich aber immer wieder, wenn sich dies auch im Einzelfall bestätigt.
Erwachsenen genügt es, ein wenig angeleitet zu werden; sie möchten normalerweise nicht geformt werden. Es gibt auch Kinder, die nicht geformt werden wollen, aber ihnen wird Individualität noch nicht zugestanden.
Wer aus eigenem Wunsch lernt, ist meist auch gern bei der Sache.
Dieser Termin, dieser Wochentag, diese Uhrzeit genügen, um einen Farb- und Ideenrausch auszulösen. Ich sehe unzählige Möglichkeiten und Bilder, im Malkurs, beim Blick aus dem Zugfenster, auf dem Weg nach Hause. Möglichkeiten sind immer da, wo es keine fest umrissene Zielvorgabe gibt. Kein Zwang, keine Kopfarbeit. Trotzdem Ergebnisse. Ich wundere mich darüber, wie es gelingen kann, das Eine mit dem Kopf und das Andere mit dem Herzen zu tun – aber besser ist es allemal, diese Dinge zu tun, statt darüber nachzugrübeln.
Mein Plan, das Andere könnte das Eine ein wenig befruchten, scheint aufzugehen. Darüber hinaus gibt es noch Vieles, das mir wichtig ist. Und Herren dienen wir zum Glück heute nicht mehr.
30.01.10, 15:38:32
Dove
Hallo Marica,
der Text spricht mir total aus der Seele. Sehr gut geschrieben. Sehr gerne gelesen.
LG
Dove
30.01.10, 16:04:19
Marcia
Danke, Dove!:)
30.01.10, 16:53:17
andrea
" ... aber besser ist es allemal, diese Dinge zu tun, statt darüber nachzugrübeln"
genau! und das gilt wohl nicht nur für "diese dinge" - also dinge der kreativen beschäftigung, sondern für sehr viele dinge. zumindest sollte man vor lauter drüber-nachdenken das tun nicht aus den augen verlieren. zufriedenheit, das gefühl von sinnhaftigkeit entsteht (denke ich) letztlich erst im tun. (für mich steht dieser gedanke mehr im zentrum als der gedanke mit den herren, denen man dienen soll - oder auch nicht).
gruß!
30.01.10, 17:31:52
Marcia
Danke für deine Meinung dazu, Andrea!
Diese - zugegeben - nicht unbedingt notwendige Selbstbespiegelung musste ja einen Aufhänger haben, deswegen der nicht so originelle Titel.;)