Ostern und Erinnerungen
12.04.09, 21:45:27
Marcia
I.
In meinem Elternhaus war es üblich, dass am Ostersonntag MorgenOstereier gesucht wurden. Viele Familien handhaben das anders; das Suchen der Eier und oft auch Süßigkeiten wird mit einem Nachmittagsspaziergang verbunden. Aber wir haben die Tradition von meinen Eltern weitergeführt. Es schien mir als Kind auch sehr logisch, dass der Osterhase am frühen Morgen, wenn die Menschen noch schliefen, durch die Gärten hoppelte und die Eier versteckte. Wir hatten ein Häuschen und einen großen Garten, und das Kinderzimmer befand sich im Erdgeschoss. Als wir noch kleiner waren, geschah es meist, dass meine Mutter, wenn wir uns angezogen hatten, irgendwann sagte: „Ich glaube, der Osterhase war schon da.“ Wenn wir dann aus dem Fenster sahen, konnten wir manchmal schon das eine oder andere bunte Ei entdecken. Mein Bruder und ich gingen dann in Begleitung der Eltern und manchmal auch der Großeltern in den Garten und durften die Eier suchen. Ich liebte die Ostereier schon ihrer intensiven Farben wegen, und besonders gefiel mir das dunkle, satte Lila. Solche Farben gibt es heute nicht mehr, sie entsprechen wohl nicht mehr den Vorschriften, was ich sehr schade finde.
Da unser Garten nicht nur groß, sondern auch sehr geschmackvoll bepflanzt war, war das Herumlaufen darin und das Aufspüren der Überraschungen auf den Wiesen und in den Rabatten ein ebenso spannendes wie auch das Auge erfreuendes Erlebnis. Aber auch das Geheimnis, das hinter den Überraschungen stecken musste, faszinierte mich. Ein Hase, der ein ganz besonderer war, machte sich so große Mühe, um uns Kinder zu beschenken. Er musste ein durch und durch gütiges Wesen sein, denn anders als bei Nikolaus und Weihnachtsmann waren seine Gaben nicht an artiges Verhalten und ein aufgeräumtes Zimmer gebunden. Deshalb fühlte ich mich in Erwartung der Ostereier und Süßigkeiten sehr froh und auf eine sehr umfassende Weise geliebt. Aus Dankbarkeit wollten wir auch den Osterhasen überraschen. In unsere Osternester, die wir aus Gras und Blumen fertigten und in denen wir immer Schokoladenhasen und –Eier vorfanden, legten wir sehr frisches Gras, manchmal auch eine Möhre, und waren etwas enttäuscht, wenn der Osterhase die Leckereien nicht angerührt hatte.
Das Eiersuchen betrachtete ich aber auch als Wettstreit, bei dem ich den Vorteil genoss, älter, aufmerksamer und auch schneller als mein Bruder zu sein. Das Vergleichen der gefüllten Körbe fiel, so lange wir kleiner waren, meist zu meinen Gunsten aus. Meine Eltern sorgten aber dafür, dass mein Bruder mindestens ebenso häufig wie ich fündig wurde: sie nahmen ihm, wenn er nicht hinsah, heimlich Eier aus seinem Korb heraus und versteckten sie so, dass er sie fand.
Als eine Auswahl der bunten Eier auf dem Frühstückstisch gereicht wurden, war es nicht mehr wichtig, wer welche und wie viele Eier gefunden hatte.
Ein paar Mal, wenn das Wetter zu Ostern sehr schlecht war, durften wir die Eier im Haus suchen. Die Frage, wie der Osterhase denn ins Haus gekommen sei, wurde mit seinem besonderen, geheimnisvollen Wesen beantwortet. Für mich stand allerdings fest, dass er einen Dietrich haben musste.
Einmal waren mein Bruder und ich krank und lagen zu Ostern im Bett. Da gab es nicht nur bunte Eier und Süßigkeiten, sondern ausnahmsweise auch Spielsachen. Ich bekam kleine Töpfe, Pfannen und einen Teekessel für meinen elektrischen Puppenherd. Man konnte all das wirklich benutzen, und ich war überglücklich. Ganz besonders gefiel mir die Pfeife am Teekessel, die „richtig“ funktionierte.
Eines Tages, als ich schon größer war, sah ich in der Abfallgrube hinter unserem Haus durchweichte Papierblätter liegen, die genau die Farben unserer Ostereier hatten. Es war nicht so, dass ich schlagartig das ganze Geheimnis um den Osterhasen in Frage stellte. Aber ich begann, genauer zu beobachten. Im nächsten Jahr lagen die Blätter wieder in der Abfallgrube. Und als ich morgens die noch geschlossenen Vorhänge ein wenig zur Seite schob, sah ich meine Mutter durch den Garten gehen und sich hier und da bücken. So viel ich weiß, haben wir weiter mitgespielt, obwohl meine Eltern irgendwann wussten, dass wir hinter das Geheimnis gekommen waren. Die Freude an Ostern und am gemeinsamen Eiersuchen blieb uns aber bis ins Erwachsenenalter erhalten.
13.04.09, 07:55:29
andrea
das ist aber eine hübsche erinnerung, marcia - und eine passende lektüre am ostermontag! (ich habe wohl nie an den osterhasen geglaubt, kann mich zumindest nicht erinnern, aber ich hatte immer die hoffnung, dass ich irgendein nest übersehen habe und dass ich es dann wochen nach ostern finde und also eine ECHTE überraschung habe. leider ist das aber nie so passiert.)
13.04.09, 08:47:02
Dove
ja, so war es auch bei uns. Einziger Unterschied: Entweder ist unser Osterhase zu schnell gehoppelt oder sein Korb hatte ein Loch, denn beim Nachmittagsspaziergang, egal wo wir auch hingingen, fanden wir so dann und wann noch kleine, bunte Ostereier.
13.04.09, 09:19:04
Marcia
;)
Danke, ich freue mich, wenn euch die Geschichte gefällt. Es ist ja auch schön, immer mal zurückzudenken. Ich sehe zu, dass ich heute die Fortsetzung schreibe.
13.04.09, 18:49:00
fly
Hallo Marcia,
hat mir auch sehr gut gefallen, deine Ostergeschichte. Da werden auch bei mir Erinnerungen wach. Bei uns war das Osterfest allerdings etwas turbulenter, mit sechs Kindern in Haus und Garten kann man sich das leicht vorstellen. Jedes Jahr hat meine Mutter ca. 90 Eier gefärbt und mit Stickern versehen, damit sechs Kinder was zum Suchen und neun Personen genug bunte Eier hatten. Außerdem gab es natürlich für jeden ein buntes Nest.
13.04.09, 20:19:46
SwissFlint
@Andrea
Ich hab einmal übersehen, dass die Mutter mir ein Nest gemacht hat.. da war ich aber schon erwachsen und ausgezogen.. habe deshalb gar nicht danach gesucht.. und sie hat nix gesagt.. jedenfalls im Herbst dann, ich mach einen Schrank auf.. find ich ein Nest!
Leider hat sie das Krokantei ausgepackt und in die grünen Fäden gesetzt.. es ist leicht zerlaufen und mit dem Grünzeugs verschmolzen.. aber verfressen wie ich war habe ich doch das Meiste davon noch gefuttert..
@Osterhase
Ich habe ihn gesehen!
Habe als Kind mal aus dem Fenster geguckt.. von wegen ob die Luft schon rein sei zum suchen.. und da sitzt doch wirklich ein fetter Waldhase in der Einfahrt!!!
ES GIBT IHN!!!
13.04.09, 20:41:31
Marcia
Oh je, sechs Kinder, fly, das kann ich mir nur ansatzweise vorstellen, wie Ostern da abgelaufen ist. Ich habe nicht so viele Eier pro Person gefärbt... Fortsetzung kommt gleich. Und ich komme mir kinderreich vor.:D
Swiss, das ist, glaube ich, die Krönung, wenn man zu Ostern wirklich einen Hasen sieht!:) Heute sorge ich aber dafür, dass wenigstens Kaninchen im Auslauf hoppeln.;)
13.04.09, 20:45:16
Marcia
II.
Meine Omi lehrte uns einen anderen Osterbrauch. Sie färbte am Gründonnerstag Eier mit Zwiebelschalen. Diese waren eher dezent gefärbt, braun und manchmal violett, wenn wir rote Zwiebeln hatten. Meine Omi nannte das „kleine Ostern“. Dort, wo sie aufgewachsen war, wurde der Gründonnerstag feierlicher begangen als in unserer Gegend.
Ich fand diese Idee der kleinen Überraschung vor der großen Überraschung rückblickend sehr schön und habe in meiner Familie eingeführt, dass schon am Karfreitag und Ostersonnabend, ebenso am Ostermontag jeweils ein buntes Ei und ein paar Schokoladen- und Marzipaneier auf den Frühstückstellern liegen. Da sich Ostern über mehrere Tage hinzieht, finde ich es passend, die Überraschungen ein wenig zu verteilen. Das „richtige“ Ostereiersuchen findet aber dennoch am Ostersonntag statt.
Als Kind habe ich manchmal diejenigen beneidet, die ihre Ostereier bei Spaziergängen im Wald suchten – das war ja auch irgendwie romantisch. Als ich dann selbst Kinder hatte, war ich aber froh, bald einen eigenen, wenn auch kleinen Garten zu haben. Wie schön war das, als die Kinder – damals noch zwei – dort zum ersten Mal Ostereier suchen durften! Als die Familie dann komplett war, hatte ich am Ostersonnabend an die vierzig Eier zu färben. So viele mussten es schon sein, denn schließlich sollte jedes Kind etwa zehn Eier finden dürfen. Das Färben geschah natürlich unter Geheimhaltung und, so lange das möglich war, abends, nachdem die Kinder eingeschlafen waren. Viele Jahre lang empfand ich es als schön, diese Überraschungen vorzubereiten und die Traditionen aus meinem Elternhaus fortzuführen. Die Eier wurden, wie bei mir zuhause, im Wasserbad mit Lebensmittelfarben gefärbt und danach mit Speckschwarte eingerieben; das gibt einen schönen Glanz und verbessert die Haltbarkeit. Aber auch die Süßigkeiten für die Osternester mussten zusammengestellt werden.
Unsere Kinder waren, so lange sie klein waren, ausgesprochene Frühaufsteher. Deshalb ließ ich sie am Ostersonntag erst einmal spielen, bis es etwa neun Uhr war. So viel Rücksicht wollten wir auf die Nachbarn schon nehmen, die sich sonntags ausschliefen. Wenn unsere Kinder Ostereier suchten, war das im ganzen Viertel zu hören, und man konnte beobachten, wie nach und nach die Fenster der umliegenden Häuser aufgingen und manche Leute ziemlich verschlafen hinaus guckten. Zunächst musste aber der Osterhase sein Werk tun. Ich versuchte immer, die Kinder mit irgendetwas abzulenken – manchmal tat das auch mein Mann – worauf ich mich möglichst unauffällig hinaus schlich, mir die Körbe nahm, die ich in der Abstellkammer deponiert hatte, um dann den Inhalt im Garten zu verstecken. Das Verstecken machte Spaß, musste aber schnell vonstatten gehen, weil die Kinder, wie man sich denken kann, bald unruhig wurden.
Als ich wieder in die Wohnung kam und das Signal gab, indem ich etwa die gleichen Worte sagte, die meine Mutter immer gesprochen hatte, war schon kein Halten mehr. Alle stürzten los und versuchten, einen Korb oder etwas Ähnliches zu ergattern. Auf der Treppe war die kleine Schar zwar aufgeregt, benahm sich aber noch relativ gesittet. Unten im Hof aber konnte sie kaum noch gebändigt werden; wir achteten darauf, dass sich zunächst alle am Gartentor anstellten, damit keiner vor den anderen losrannte. Wenn vier aufgeregte Kinder in einen relativ kleinen Garten einfallen, kann man das nicht nur in allen umliegenden Häusern hören. Es ist auch für die Beete und die Pflanzen darauf ein Härtetest. So manche Tulpe knickte bei der Jagd nach den Eiern um. Manchmal gingen auch Eier zu Bruch, oder die Kinder stolperten über die Beetbegrenzung, die Beine ihrer Geschwister oder über ihre eigenen. Wir haben insoweit eingegriffen, als wir den kleineren Kindern das eine oder andere Versteck gezeigt haben, damit sie nicht völlig leer ausgingen, denn auch bei uns waren die Älteren auf Grund ihrer Schnelligkeit und Geschicklichkeit besser dran. Manches Ei war so gut versteckt, dass es dann erst Wochen später beim Jäten zum Vorschein kam.
Seit die Älteren erwachsen sind, überlassen sie ihren jüngeren Geschwistern das Eiersuchen und beschränken sich auf den Verzehr. Aber der Appetit auf Ostereier hat nachgelassen. Ich habe in diesem Jahr nur zwanzig Eier gefärbt. Und mir ist neben all den sonstigen Vorbereitungen die Lust auf lange Abende in der Küche vergangen. Diese Unlust hat man den Eiern auch angesehen. Ich habe angekündigt, im nächsten Jahr fertig gefärbte Eier zu kaufen. Die Reaktion der Familie darauf war nicht gerade freudig, und ein wenig habe ich mich schon darüber gefreut, dass meine Eier den gekauften vorgezogen werden, selbst wenn sie etwas verwaschen aussehen.
Ist es an der Zeit, weniger Aufwand zu treiben? Ich brauche immer etwas länger, um Traditionen in Frage zu stellen und mich veränderten Bedingungen anzupassen. Und glücklicherweise dauert es noch ein Weilchen bis zum nächsten Osterfest.