Frank Schätzing: Der Schwarm/ 1.Etappe (bis zum 5. April)
20.11.05, 01:28:02
Tommy Gärtner
:)
Nun denn.
In Schätzings Terminkalender gehts vom 14.Januar bis zum 5.April.
22.11.05, 19:59:22
LIH
Also bis Seite 120 bin ich noch nicht, wird wohl noch etwas dauern, deswegen hatte ich den folgenden Text auch erst in dem anderen Thread gepostet, also hier eine Kopie, bitte Nifl, du hast völlig recht, gehört hierher:
Ich stelle über mich fest: Ich lese deutlich kritischer, wenn ich ein Buch hier für "Gemeinsam lesen" lese, lasse mich teilweise sogar weniger auf die Denke des Autors ein, schon zu Beginn nicht. Das finde ich merkwürdig und irgendwie nicht gut. An ihm herumkritisieren kann ich ja immer noch, aber irgendwie sollte ich doch erstmal unvoreingenommen mit ihm vertraut werden. Vielleicht liegt es beim Schätzing aber auch daran, dass er so entsetzlich hochgejubelt wird und mir genau die Fehler schon zu Beginn auffallen, die ich bei meinen Texten, in denen ich Wissenschaftliches anders verpacken will, missfallen: Mir missfällt, wenn Dinge aufgesetzt wirken. Die Denk-Sprache des Fischers, die Beschreibung Trondheims, was sind Visionäre (doch bitte nicht Swift) - erwecken in mir das Gefühl: der Autor will alles zeigen, was er gelesen, worüber er sich informiert hat, wo er gewesen ist, nicht die Geschichte ist wichtig sondern die Darstellung seiner eigenen Person.
Nachdenklich
LIH
24.11.05, 20:47:01
LIH
geändert von: LIH - 25.11.05, 06:24:12
Ich fange an eine Tabelle aufzustellen, was ich gut, was schlecht finde.
Meine Faktoren zur Beurteilung bisher:
Ausarbeitung der Charaktere
Ausarbeitung der verschiedenen LIs
Wahl der Denksprachen
Ausarbeitung der Dialoge
Ausarbeitung anderer Gespräche
Präsentation von Sachinformationen
Nutzen der Sachinformationen für die Handlung
Beschreibung Fauna
Beschreibung Flora
Beschreibung Landschaft Natur
Beschreibung Erscheinungsbild Stadt
Nachvollziehbarkeit der Handlung
Spannung beim Lesen
Mich erinnert manches an "Journal of a Plague Year" von Daniel Defoe. Wesentlicher Unterschied: Bei Defoe ist hinsichtlich Sachinformationen unmittelbar zu erkennen, warum sie gegeben werden und wie sie neue Spannung für die Handlung erzeugen. Bei Schätzing falle ich zwischendrin immer wieder in ein "achjaundwasnun"-Loch.
Bin irgendwo im März
LIH
25.11.05, 06:37:16
LIH
geändert von: LIH - 25.11.05, 06:39:41
Heute morgen bereits im April.
Will Schätzing einen Rekord aufstellen: Wie lange komme ich ohne wirkliche Handlung aus? Das Einzige, was bisher wirklich als Handlung zu bezeichnen ist, fand im Prolog in zwei Sätzen statt. Die akademische Verdichtung der Themenfelder Meer, Tiefsee, Schiffahrt, Ölförderung, Geologie, Verhaltensforschung ..... findet zwar statt, mit Teilen, die einen Gedankenhandlungsstrang vermuten lassen, aber aufgefüllt mit vielem anderem, das unter die Rubrik fällt "Guckt mal! Das habe ich auch herausgefunden, gelernt, gelesen, gehört, während ich dieses Buch schrieb! Bin ich nicht toll?"
Zwischendrin stutze ich bei manchen der Sachinformationen, habe mir bisher nur verkniffen, parallel zu recherchieren. Unglücklich für einen "Thriller" halte ich Verbindungen in die Wirklichkeit, die mehr als allegorisch sind. Beispiel: "Bremerhavener Polarstern". Es ist richtig, dass das deutsche Forschungsschiff Polarstern in Bremerhaven stationiert und zum Alfred-Wegener-Institut gehört. Wird es das auch noch in dem Jahr, in dem dieser "Thriller" spielt?
Dabei kommt mir ein Gedanke. Vielleicht wollte Schätzing ja alle Wissenschaftler und ihre Institute, die ihn unterstützt haben, nicht nur namentlich im Anhang verewigen, sondern auch im Text selber, auf dass ihm der Absatz des Buches und Anerkennung aus der Welt der Wissenschaft sicher ist?
Dann liest sich das Buch natürlich völlig anders. Wie dumm von mir, eine Handlung in einem "Thriller" zu erwarten.
Hmmm ...., eine Liste anfangen, auf wen wird namentlich hingewiesen? ..... Jetzt noch nicht....dazu muss ich noch ei n wenig wütender werden.
Ach ja, die parallel stattfinden menschlichen Beziehungen reichen imho inhaltlich gerade für eine Kurzgeschichte und wirken manchmal nur als Verbindungsglied zwischen den verschiedenen Wissenspassagen.
Hat inzwischen eigentlich noch jemand eine Meinung?
Einen schönen Tag!
LIH
25.11.05, 10:44:09
Elek...tra
Eine Art Tabelle habe ich mir auch sofort beim Lesen (im Kopf) erstellt, um nicht den Überblick zu verlieren: Orte, Personen, Meeresbewohner.
Vor allem die Meeresbewohner, die sich anders als normal verhalten, habe ich zusammengezählt: Goldmakrelen, Würmer, vermisste Wale, vermutete Riesenkalmare, ein nicht definierbares "Meeresungeheuer"?? ...
Meine Güte, was kreucht und fleucht denn noch alles in diesem Buch herum?
Auf jeden Fall merkt man, dass die Spannung langsam, von Seite zu Seite, aufgebaut wird.
Warum muss ich jetzt an "Der weiße Hai" denken? :D
Lieben Gruß von
Elek...tra
26.11.05, 13:12:13
LIH
Ich beginne nun den Schwarm Schätzing systematisch auseinander zu klabüsern und beginne mit den versteckten Mythen. Zu deren Entdeckung und Diskussion dient dieser Thread:
http://sternstaub.org/forums/topic.php?id=224&
Angenommen, ich sollte dies besser in meinem Userforum, möge es dorthin verschoben werden, denn es werden noch weitere vergleichbare Schätzing-Threads folgen. ;)
Manchmal weiß ich wirklich nicht, ob ich lachen oder mich ärgern soll.
Bis dann
LIH
26.11.05, 16:43:56
LIH
geändert von: LIH - 26.11.05, 16:44:33
Erste Erkenntnis aus der Datumsanalyse:
Allgemein lässt sich salopp sagen, dass dieser Roman (nehme nun endgültig Abschied von den Waschzettelbezeichnungen Thriller und wild schäumender Abenteur-Cocktail) nicht in 80 Tagen um die Welt segelt, sondern in rund 180 Tagen rund durch die Welt von Ökologie, Ozeane und allem irgendwie damit Verbundenem kreuzt.
26.11.05, 19:59:44
LIH
Mach ich einen Gender-Thread zu dem Buch auf?
Frauen kommen mal wieder nicht wirklich vor, außer als akademische Dienstboten. Zusätzlich sind die Systeme der Fortpflanzung bei den Menschen als auch bei Flora und Fauna auf eigentümliche Weise ausgeklammert. Entweder jemand/etwas ist da oder nicht.
Ich warte nochmal ein paar Seiten, aber irgendwann kommt mein Elfenbeinturm-Thread zu diesem Thriller mit einer Mischung aus Johannes dem Täufer und Daniel, vielleicht auch Hiob. Biblische Charaktere sind auf jeden Fall massiv vertreten, muss doch die Apokalypse mal parallel legen, hilft auch für den Eschatologie-Thread, auch noch Gilgamensch usw. usw.???
:mad:
LIH
26.11.05, 22:19:45
Sternenstaub
ich habe bis jetzt erst die ersten 40 Seiten gelesen, ABER nü geht es los. Gender thread ist immer gut, Lih, dazu kann ich auch ne Menge sagen.... :D
28.11.05, 03:22:50
Tommy Gärtner
Auf jeden Fall merkt man, dass die Spannung langsam, von Seite zu Seite, aufgebaut wird.
Warum muss ich jetzt an "Der weiße Hai" denken? :D
Lieben Gruß von
Elek...tra
Das ist auch mein Leseeindruck. Aber im Gegensatz zu LIH stört mich dieser langsame Spannungsaufbau nicht, ich genieße ihn eher. Es handelt sich ja auch um keine Kurzgeschichte, daher müssen die Ereignisse sich auch nicht überschlagen. Möglicherweise übertreibt es Schätzing hier aber ein wenig und könnte somit die etwas ungeduldigeren Leser wie LIH vergraulen.
:)
Danke für die Tabelle, liebe Elektra. Da kann man immer mal wieder drauf zurückgreifen.
Zitat:
Biblische Charaktere sind auf jeden Fall massiv vertreten, muss doch die Apokalypse mal parallel legen, hilft auch für den Eschatologie-Thread, auch noch Gilgamensch usw. usw.???
das ist eine ungewöhnliche These. Könntest du sie erläutern, LIH? Biblische Gestalten kann ich da bislang noch nicht identifizieren, vielleicht ist mein biblisches Wissen aber auch zu marginal. Oder spielst du auf Namensähnlichkeiten ("Johanson" - "Johannes") an?
:confused:
28.11.05, 09:06:02
LIH
Mich stört die Vorhersehbarkeit der Ereignisse. Ich erwische mich in diesem Buch sehr oft bei dem Gedanken "Und jetzt müsste als nächstes das und das passieren" und hupps: mal langsamer mal schneller genau das passiert dann. Mir fehlen die Überraschungen und damit ein Element, das für mich wichtig ist für die Spannung beim Lesen.
Die Nähe zum weißen Hai sehe ich weniger, da der weiße Hai noch zu der Katastrophengeneration gehört, wo nicht gleich der komplette Weltuntergang droht wie bei diesen Stories mit Erdbeben, Meteoriten usw., die alle nach dem gleichen Strickmuster ablaufen und sich auch noch mehr oder weniger unmittelbar an den Ablauf in der Offenbarung des Johannes anlehnen. Inhaltlich ist dieser Link dazu für die schnelle Information geeignet:
http://12koerbe.de/apokalypse/apok-0.htm
Allgemein bin ich keine große Freundin von Weltuntergangsliteratur, da ich zu oft erlebt habe, wie merkwürdig sich Menschen von dieser Form der Fiktion beeinflussen lassen.
Lieben Gruß
LIH
28.11.05, 09:42:55
Elek...tra
Ich musste ja auch nur wegen des Spannungsaufbaus an den Weißen Hai denken... na ja und dann später nochmal... aber das kommt erst nach Seite 102 ... gehört also nicht in diesen Thread... ;)
Personen, Orte und Meeresgetier tabellarisch zu ordnen hat sich übrigens beim/fürs Weiterlesen sehr bewährt! ;)
Liebe Grüße von
Elek...tra
28.11.05, 14:23:46
Tommy Gärtner
Vielleicht hast du heimlich schon vorgelesen, LIH.
:)
Voraussehen konnte ich zumindest gar nichts, weder, daß die Walwanderungen ausbleiben, noch daß die Würmer plötzlich furchterregnde Gebisse entwickeln.
Und klar, vielleicht ist die Vorwegnahme einer größeren Katastrophe im Prolog ein Spannungskiller? Ich überlege, wie es wäre, wenn Schätzing diese Einleitung weggelassen hätte. Allerdings wüßte man dann auch durch die zahlreichen Beschreibungen des Romans in der Medien-Öffentlichkeit Bescheid, so daß m.E. der Prolog nur andeutet, was man ohnehin apriori weiß, sobald man das Buch ordert.
Mich stören inszenierte Weltuntergänge eigentlich weniger, sofern sie plausibel, handwerklich gut und interessant gestaltet sind.
Auch die Johannes-Apokapalypse finde ich okay, obwohl mich da die altertümelnde Sprache abschreckt. Man müßte den Bibel-Text in Umgangssprache übersetzen, wäre ein interessantes Projekt.
:)
29.11.05, 10:57:00
Sternenstaub
Nun bin ich auch so weit gekommen, einer halb schlaflosen Nacht sei gedankt ;)
Ich find den ersten Teil ganz gut, mir gefallen gerade die Zufälligkeit der Entdeckungen bzgl. der Veränderungen, die sich offensichtlich bei bestimmten Lebewesen vollzieht.
Ich habe auch überhaupt keine Probleme gehabt, die einzelen Stränge auseinander zu bekommen.
Manche Personen sind mir persönlich nicht wirklich zusagend beschrieben, z.b. dieser altersmilde Meeresbiologe, der natürlich gar nicht will, dann aber doch...
Da gefällt mir dieser nordamerikanische Handlungsstrang wesentlich besser.
Bis jetzt find ich das alles noch recht spannend, die Sachinformationen kann ich nicht überprüfen, finde sie aber durchaus nicht zu breit angelegt.
29.11.05, 11:46:36
Tommy Gärtner
Leon Anawak ist ein höchst zwiespältiger Charakter. Ich fand die Aquariums-Szene (18.März) äußerst spannend, in der es um den Spiegel-Selbsterkennungs-Test geht. Anawak macht da eine sehr schlechte Figur, fährt der Studentin über den Mund, weil sie seine Interpretationen anzweifelt. Aber offenbar geht es um mehr, nämlich um eine Lebensauffassung, die vermutlich einige Risse bekommt im Laufe des Romans.
Zitat:
Was hatte diese Studentin gesagt? Er versuche, die Tiere zu vermenschlichen? Der Vorwurf nagte an ihm. Anawak hielt sich zugute, Wissenschaft nüchtern zu betreiben, sein ganzes Leben betrachtete er mit größtmöglicher Nüchternheit. Er trank nicht, ging nicht auf Partys und drängte sich nicht in den Vordergrund, um mit spekulativen Thesen um sich zu werfen. Weder glaubte er an Gott, noch akzeptierte er irgendeine Form religiösen Verhaltens. Jede Art von Esoterik war ihm zuwider. Er vermied es, menschliche Wertvorstellungen auf Tiere zu projizieren, wo er nur konnte. Ausgerechnet seinen eigenen Standpunkt hatte ihm diese hasenzähnige Miss Delevare beibiegen wollen.
Witzig finde ich den lapidaren Satz Schätzings, den Leon offenbar nach seiner ebenso kontroversen Begegenung mit Jack Greywolf denkt: "Es hätte ein schöner Tag werden können."
:D
Den Spiegel-Selbsterkennungs-Test kannte ich bislang von Experimenten mit Schimpansen (Gallup hatt das in den 70ern gemacht). Abr bei Walen? Interessant, vielleicht ist es ein fiktives Detail, vorstellbar wäre das aber.
29.11.05, 13:07:51
Tommy Gärtner
Hab gegooglet. Dieser Selbsterkennungstest bei Walen ist relativ neu, die Meldung stammt vom Mai 2001. Auf der Seite
"Weekly whale News" kann man folgendes lesen:
Zitat:
New York, 11.05.2001. Forscher nehmen an, dass Selbst-Erkenntnis im so genannten Spiegeltest ein erstes Anzeichen für ein höheres Bewusstsein ist. Bislang wurde diese Fähigkeit lediglich Menschen und Menschenaffen zugesprochen. Diana Reiss und Lori Marino arbeiten schon längere Zeit (s.u.) an der Selbsterkennungsfähigkeit von Delphinen. Jetzt haben Sie in den Proceedings of the National Academy of Sciences Vol. 98(19), S. 5937-5942, unter dem Titel "Mirror self-recognition in the bottlenose dolphin: A case of cognitive convergence" einen neuen Beitrag zu der Thematik geleistet. Illustriert wird die Veröffentlichung durch Quicktime Movies, die auf der Homepage des Journals anzusehen sind.
http://www.cetacea.de/news/archiv/2001/arch010511b.shtml
Auch in der August-Ausgabe 2001 von Geo soll darüber berichtet worden sein.
Hier kann man den von Schätzing beschriebenen Selbst-Erkennungs-Test als Filmsequenz sehen:
http://www.pnas.org/cgi/content/full/101086398/DC1/1
30.11.05, 07:34:35
LIH
Worauf man sich bei Schätzing verlassen kann, dass seine Details aktuellen Forschungshintergründen entsprechen. Gestern war ich den ganzen Tag unterwegs und hatte für meine Leerzeiten den Schwarm vergessen. Wozu gibt es Buchhandlungen? Compus Interview mit Schätzing hat mich auf Tod und Teufel neugierig gemacht. Nach den ersten hundert Seiten kann ich im Vergleich folgendes sagen:
Auch Kapitel-Orientierung am Datum, aber Sequenz: vier Tage, 11-14. September.
Auch Starten mit unterschiedlichen Handlungssträngen
Nach meinem Geschmack bessere Dialoge
Nach meinem Geschmack schlechtere Ausarbeitung der Charaktere
Nach meinem Geschmack besserer Einschub der Wissens-Sequenzen, obwohl er auch dort subtil und fein den Sprachstil ändert. Dort fällt es aber nicht so auf (was ich in meiner obigen Tabelle als Denksprachen bezeichnet habe).
Die Wissens-Sequenzen in Todundteufel zeigen deutliche Vorteile gegenüber Schwarm: Sie stecken voller Handlung, während im Schwarm fast statische Wissenseinblicke gegeben werden.
Auch in "Tod und Teufel" wird die Schon-Fast-Unfähigkeit von Schätzing deutlich, größere oder manchmal sogar kleinere geometrische Zusammenhänge wirklichkeitsnah zu beschreiben. Räumliche Anordnung sauber in wenigen Worten eindrucksstark zu vermitteln, ist nicht einfach. Aber gibt er sich überhaupt Mühe? Und wenn nicht, warum nicht?
Aber auch in Todunteufel: für mich alles vorhersehbar. Das hat mich noch mehr verblüfft und daher habe ich ein wenig besser darauf geachtet, wodurch dies passiert: In Schlüsselszenen baut er so fatale Anhängsel an, die den assoziativen Übergang zu späteren Szenen schaffen. Wer also ein wenig mit der Materie auch wissensmäßig vertraut ist, erspürt intuitiv, was in absehbarer Zeit folgen wird.
Auch Todunteufel könnte um ein paar Wissensdetails gekürzt werden, ist aber aus meiner Sicht nicht so extrem wie im Schwarm und deutlich besser erkennbar (für Leser, die das nicht wollen).
:)Anderer Vorteil von Todunteufel nur 500 Seiten mit weniger Buchstaben pro Seite.
:rolleyes:
LIH
01.12.05, 18:21:40
LIH
geändert von: LIH - 01.12.05, 18:22:44
Soeben ist nun meine Entscheidung endgültig gefallen:
Ich werde bekennender Nicht-zu-Ende-Leser dieses Buches, vielmehr die letzten Seiten habe ich dann doch noch gelesen, aber fünfhundert von den tausend Seiten lese ich definitiv nicht mehr.
Das Interessante am Lesen war, dass ich dabei für mich herausgearbeitet habe, warum ich apokalyptische Literatur nicht mag und warum ich die Einbindung der Vermittlung von modernem technisch-naturwissenschaftlichem Wissen in dieser Form ablehne.
Die Spannung eines Kriminalromans entsteht, salopp formuliert, durch die Beschreibung einer wie immer gearteten Untat, die einen selbst als Leser nicht trifft (die Untat wird nicht am eigenen Selbst verübt), die Leser jedoch in die Lage versetzt voyeuristisch zu beobachten und zu urteilen oder sich mit Protagonisten zu identifizieren. Das Ganze in einem auf Individuen beschränkten gesellschaftlichen Rahmen. Kriminalromane spielen mit den Ängsten solchen Untaten ausgesetzt zu werden und den Hoffnungen, dass die Gerechtigkeit siegt.
Die Spannung apokalyptischer Literatur spielt mit in uns Menschen durch die Evolution verankerten Urängsten (daraus resultiert auch die große emotionale Nähe unterschiedlicher Weltuntergangs-Szenarien in verschiedenen Kulturen), wird letztlich in ihren Lösungen in besonderer Form weltanschaulich, um nicht zu sagen religiös oder prophetisch. Auch hier spielen Hoffnungen auf Überleben eine Rolle, Leser überleben die Apokalypse, was ja nun auch wieder zu den Ur-Hoffnungen zählt: "Alle anderen nur ich nicht". Diese Form der Fiktion empfinde ich als große Lüge und lasse mich nicht darauf ein, ;) brauch sie also auch gar nicht zu überleben, weil ich nicht daran beteiligt bin.
Die Kopplung von apokalyptischer Literatur mit der Vermittlung von technisch-naturwissenschaftlichem Wissen führt letztlich zu emotionalem Unwissen. Schopenhauer hat das viel besser als ich formuliert: "Was das Herz nicht will, lernt der Verstand nicht."
Mit emotional herbeigeführten Unwissen wird das Lösen von durch Menschen verursachten Problemen schwieriger, weil wir ja nicht einfach das Rad der Industriegeschichte in Richtung Natürlichkeit zurückdrehen können.
Argumentieren ließe sich nun, dass Schätzing diesen Konflikt doch gerade in den Interims-und End-Plädoyers seiner Protagonisten aufzuzeigen versucht. Nach meiner Meinung funktioniert der Weg nicht, den er dafür gewählt hat. Der Autor agiert wie ein Schlagzeuger, der ständig mit maximaler Lautstärke und Dynamik loslegt, zwischendrin leise Intermezzis mit feinsten Nuancierungen macht, und sich wundert, dass diese auf taube Ohren stoßen. Rodgau Monotones: "Der Ohrenarzt hat mir mein Ohr geklaut, es ist zu laut."
:) Der Schwarm ist mir eindeutig zu laut. Ich mag keine tauben Ohren bekommen. Als Film mit entsprechendem Aufwand inszeniert wird das bestimmt ein Kassenschlager.
Nichts für ungut.
LIH
01.12.05, 21:01:04
Nifl
Mittlerweile habe ich auch die102er Marke (warum eigentlich 102 ? ...bei mir ist da kein Kapitelanfang ?) durchlesen. Der Prolog gefiel mir gut. Genaue Beschreibungen, die einen Film abspulen lassen und mich nahtlos mit der Szenerie verschmelzen. Wäre aufgeklärt worden, warum genau er nicht auftauchen konnte, dann wäre es eine runde Kurzgeschichte. So gestaltete sich für mich der Übergang zum ersten Kapitel etwas ruppig. Ich werde aus dem nostalgisch Dramatischen in einen banalen Strang geschubst ... hin zu einer Figur, die mich nicht sonderlich interessiert ... ich mag die coolen, sportlichen Professorsinglehelden nicht. Dann wieder ein völlig neuer Strang mit neuen Figuren. Ich bin eigentlich kein besonderer Fan von verschränkter Erzähltechnik, aber dadurch lockert er die sehr langsame Handlungsentwicklung etwas auf. Bis kurz vor Seite 102 war es ja insgesamt eher ein Plätschern. Nichts wirklich Fesselndes passiert. Man ahnt zwar schwach, dass sich da was im Meer zusammenbraut ... aber ein "richtige" Bedrohung wird nicht klar. Das ist schon recht gewagt aufgebaut vom Schätzling. Ich bekomme ellenlange "Bewusstseinsdialoge" um die Ohren gehauen, die in ihrer Schlagfertigkeit sehr fragwürdig für mich sind. (diesen "Fehler" macht er mE. auch ständig mit dem Prof und der Hippeltante). Immer scharfsinnig und natürlich spontan ! (erinnert mich an die Paul'sche "sei spontan !" Direktive *g) ... das wirkt auf mich sehr künstlich und nimmt den Figuren "echte" Tiefe.
Dennoch fällt mein Gesamtfazit der ersten 100 Seiten positiv aus ... ich lese auf jeden Fall noch weiter ...
01.12.05, 21:31:09
Tommy Gärtner
Daß der Roman "laut" sein soll, habe ich bislang noch nicht festellen können, aber ich hab ja auch erst die Etappe 1 gelesen und warte noch mit der Eröffnung von Etappe 2, bis sich abzeichnet, daß ein Großteil der Mitleser so weit ist. Ich hoffe aber, daß er noch laut wird. Finde ich eine seltsame Begründung für Leseverweigerung; unter diesem Aspekt ("laute Literatur lehne ich ab") dürfte eine gehörige Portion guter und in den Kodex der Weltliteratur eingeganger Belletristik auf taube Ohren bei dir stoßen liebe LIH, aber nun gut, den Standpunkt muß man akzeptieren.
Die im "Eschatologie"-Ordner geäußerte These, apokalyptische Literatur sei ideologisch motiviert und halte den Leser zu "gesellschaftkonformen" Verhalten an, ist schlicht falsch und kann literaturwissenschaftlich widerlegt werden. Sie ist allenfalls durch die Johannes-Apokalypse des Neuen Testaments gedeckt, während man bei apokalyptischer Literatur wie etwa von H.G. Wells "Die Zeitmaschine" über die Untergangsphantasien von James Graham Ballard ("Welt in Flammen", "Der Sturm aus dem Nichts") bis hin zu Paul Austers "Im Land der letzten Dinge" und natürlich auch Schätzings "Der Schwarm" eine klare sozialkritische Intention ausmachen kann. Negative Utopien im Dienst der Überwindung eines (selbst-) zerstörerischen Sozialprinzips und keineswegs seiner Stützung. Ich habe den Eindruck, wie mir auch deiner *Gender*-Thread zeigt, daß du sehr voreingenommen an Literatur herangehst und mit dem Holzhammer von vorgefertigten Bewertungschemata zuschlägst, aber nun gut, daß ist nur mein Eindruck, und es geht ja nicht um die Kommentatoren, sondern um Schätzings "Der Schwarm".
Schade, daß du schon aussteigst.
:space:
02.12.05, 06:56:46
LIH
Hallo Tommy,
nun ich steige ja nicht aus der Diskussion aus, schließlich liegen fünfhundert Seiten hinter mir, ich lese einfach nur nicht mehr an Seiten. Mit der Voreingenommenheit magst du bei mancher Literatur recht haben (hatte ich ja ganz zu Beginn schon vermerkt), vielleicht sogar besonders dort, wo zu viele Seiten im Spiel sind oder ich mir meinen eigenen Stil (Technik, Naturwissenschaften) immer noch erarbeite und mich gegen permanentes lautes Trommeln auf modernste wissenschaftliche Erkenntnisse entschieden habe, wenn schon Grundlagen zu deren Verständnis unter den Tisch gekehrt werden.
;) Die Voreingenommenheit gebe ich dir bei dem Genderthread aber gerne zurück, da dir das Thema offensichtlich nicht behagt. :)
Danke für die Lesetipps, bin nun keine Literaturwissenschaftlerin, die all diese Bücher systematisch gelesen hat. Deinen Hinweisen hinsichtlich apokalyptischer Literatur gehe ich nach, kenne eben mehr die alten Schriften aus verschiedenen Kulturen. Die sozialkritische Intention von Schätzing bezweifle ich, ein gesellschaftskritisches Glaubensbekenntnis, mit dem der Werbefachmann massiv Geld verdienen will, wohl eher.
Lieben Gruß
LIH
02.12.05, 11:27:58
Tommy Gärtner
Zitat:
Die sozialkritische Intention von Schätzing bezweifle ich, ein gesellschaftskritisches Glaubensbekenntnis, mit dem der Werbefachmann massiv Geld verdienen will, wohl eher.
Hallo LIH,
Das wird eine interessante Frage sein, ob es sich bloß um eine aufgesetzte (und daher unverbindliche) Attitüde handelt, oder ob mehr dahinter steckt. Ich vermute, das läßt sich rasch erkennen im Fortgang des Romans.
02.12.05, 14:45:52
Elek...tra
... mit fällt auf, dass ich anscheinend anders lese...
Bin ich zu oberflächlich, weil ich erstmal einfach nur lese, ohne mir Gedanken über tiefere Zusammenhänge zu machen?? :confused:
Immerhin habe ich einiges unterstrichen und mir Randbemerkungen dazu gemacht...
Ich lese Bücher zuerst zu Ende und danach blättere ich sie nochmal durch und schaue mir das, was ich unterstrichen und an den Rand geschrieben habe, an. Wenn dann etwas dabei ist, was ich näher "untersuchen" möchte, ist das bei mir erst der nächste Schritt...
Also seid bitte nicht böse, wenn ich mich (noch) nicht an allen (interessanten!) Diskussionen hier beteilige.
Liebe Grüße von
Elek...tra
02.12.05, 15:08:04
LIH
:) Also, Elektra, ich finde das gar nicht oberflächlich, einfach nur eine andere Art, die eigene Art hat ja irgendwie jede/r im Laufe seines Leselebens entwickelt.
Lieben Gruß
LIH
02.12.05, 22:14:14
Tommy Gärtner
Zitat:
(warum eigentlich 102 ? ...bei mir ist da kein Kapitelanfang ?)
sehe ich gerade. Haben wir vielleicht verschiedene Ausgaben?
:rolleyes:
Bei mir ist auf Seite 102 das Kapitel "23.März" zuende, ab S.103 beginnt Kapitel "5.April". "bis 102" meint natürlich "einschließlich".