Tom Liehr: Idiotentest / Etappe 3 Seite 73 bis 164
08.11.05, 19:03:50
Nifl
:cool:
08.11.05, 19:21:12
Tommy Gärtner
Wow, ein mächtiger Happen. Aber ich gehs an.
:D
09.11.05, 14:10:17
Tommy Gärtner
Überraschenderweise steht in Kapitel 12 Henry das erste Mal im Roman als Depp da. ("Nur ein Idiot würde das unterschreiben", wie der Rechtsvogel sagt). Das schafft Spannung, wie er aus diesem aussichtslosen Knebelvertrag je wieder rauskommt.
Und in Kapitel 13 zeigt Henry gar gonzoartige Züge
:D
Zitat:
"Du bist doch ein Vollidiot", lachte er, aber nicht wirklich fröhlich. "Seit Jahren hat sie für niemanden hier einen Blick, außer für dich, bricht jedesmal fast zusammen, wenn du mit einer anderen abziehst. Und du merkst nichts?"
Wenn es nun richtig wäre, daß vielleicht die beiden Figuren Gonzo und Walter, deren Eigenschaften Henry zu ironisieren pflegt, so etwas wie abgespaltene und personifizierte Persönlichkeitsanteile von ihm selbst wären, dann hätte diese WG einen interessanten Hintersinn.-
Aber diese Lesart ist im Moment eher eine vage Vermutung.
09.11.05, 14:24:09
Tommy Gärtner
Manchmal gelingen Tom Liehr einfach unnachahmliche Wendungen wie:
Zitat:
Ich sah ihr nach, kramte in meinen Gefühlen.
Oder
Zitat:
Der Gestank war überwältigend. Der Urschweißgeruch, sozusagen der Referenzschweiß, das Maß aller verschwitzten Dinge.
Das ist irgendwo genial.
:D
09.11.05, 15:29:09
LIH
Als Konzept: die WG ist in seinem Hirn?
Vielleicht lese ich doch noch ein wenig weiter (wie gesagt, sah bisher keinen Grund über den Behindertenparkplatz hinauszukommen). Werde mich dann natürlich fragen, ist der frontale Lappen sein persönlicher Behindertenparkplatz oder in welchem Teil seines Gehirns ist ist Sals gestorben und wer war er? Welche Rollen spielen die Frauen, Teile seiner Persönlichkeit? Betrinkt er sich nie vollständig, sondern nur ein Teil in ihm ertrinkt symbolisch?
Schaumährma.
Gruß
LIH
09.11.05, 17:11:04
Charly
Als Konzept: die WG ist in seinem Hirn?
Vielleicht lese ich doch noch ein wenig weiter (wie gesagt, sah bisher keinen Grund über den Behindertenparkplatz hinauszukommen). Werde mich dann natürlich fragen, ist der frontale Lappen sein persönlicher Behindertenparkplatz oder in welchem Teil seines Gehirns ist ist Sals gestorben und wer war er? Welche Rollen spielen die Frauen, Teile seiner Persönlichkeit? Betrinkt er sich nie vollständig, sondern nur ein Teil in ihm ertrinkt symbolisch?
Schaumährma.
Gruß
LIH
Hallo LIH,
unbedingt weiterlesen.
Was bis dahin geschah, kannst du mit den späteren Ereignissen nicht vergleichen - obwohl beim Schluß bin ich etwas zwiespältiger Meinung.
Aber weiterempfehlen kann ich das Buch ohne Gewissenbisse.
09.11.05, 17:16:16
Charly
Zu diesem Thema:
Zitat:
Wenn es nun richtig wäre, daß vielleicht die beiden Figuren Gonzo und Walter, deren Eigenschaften Henry zu ironisieren pflegt, so etwas wie abgespaltene und personifizierte Persönlichkeitsanteile von ihm selbst wären, dann hätte diese WG einen interessanten Hintersinn.-
fällt eigentlich auf, dass Henry bei Gonzo ausgerechnet das immer wieder hervorhebt, was andere bei ihm bemängeln, ihm selbst aber bei sich nicht auffällt. In so fern empfinde ich das als hervorragenden Spiegel. Später sieht er dann auch die Kehrseite der Medallie. Nicht er ist in seiner Stärke der Starke. Erst in seiner Schwäche offenbart sie sich, später.
09.11.05, 18:56:37
Tommy Gärtner
Ich würde dir auch empfehlen, weiterzulesen, liebe LIH. Offenbar habe ich den Roman nach Maßgabe der ersten beiden Leseatappen unterschätzt. Ab Kapitel 13 wirds meinem Eindruck nach richtig *psycho-dramatisch*. Bin jetzt auf Seite 108 und würde brennend gern wissen, was denn nun eigentlich in jener besagten Nacht mit Andrea passiert ist und vor allem, was in ihrem Brief steht.
Ich glaube, das wird noch ein spannender Leseabend.
:)
10.11.05, 12:12:27
Tommy Gärtner
Ab Kapitel 13 bekommt der Roman eindeutig melodramatische Schlagseite, meinem Eindruck nach. Plötzlich flennen alle, das Schicksal klopft an die Tür, Abgrundsmetaphern werden bemüht ("In mir tobten die wildesten Gefühle. Ich stand an einer Klippe, unter mir hundert Meter bis zum Meer, schaumige Brandung, Steine und Felsen..." S.109). Auch gehen Tom Liehr, wie mir scheint, zunehmend die Pointen aus.
Dieser stilistische Bruch kommt mir zu abrupt und macht auf mich eher einen inhomogenen Eindruck. Was meint ihr?
Auf alle Fälle läßt sich jetzt schon sagen, daß das reißerische Verlagsstatement auf der Cover-Rückseite ("Ein rasend komischer Roman über die Liebe und junge Helden, die nicht erwachsen werden wollen") wohl irgendwo am Text vorbeigeht und allenfalls auf das erste Viertel des Romans zutrifft. Von einer "rasenden Komik" ist kaum noch etwas zu spüren. Habe jetzt die dritte Leseetappe beendet und eher den Eindruck, daß es in Richtung "Schicksalsmelodie" des Typs "Love Story" weitergehen wird.
:confused:
10.11.05, 12:46:26
Baba Yaga
Du sprichst mir aus der Seele, Thommy. Aber ich warte ja noch, bis du fertig bist (und dann hast du schon alles gesagt :)).
Und um das Ganze auf die innere Ebene zu übertragen, bräuchte es einiges mehr an Über- wie Tiefgängen oder nachvollziehbaren Prozessen, die nicht nach GZSZ (oder wie das TV-Ding heißt) schmecken, obwohl man kann ja Rosamunde
*ups* warten wir also auf die Endrunde.
Und das Frauenbild, LIH, ist ein ganz ein Spannendes (jedenfalls weiß ich wieder, warum ich damals so feministisch drauf war), womit ich nicht die erheiternde Epistel über die spazierengehenden Klodeckelhüterinnen meine, die diese mit Bachblüten reinigen.
11.11.05, 08:08:35
LIH
Nun ja, habe ihn jetzt also auch zu Ende gelesen.
Dank an alle, die mich dazu ermunterten, bemerkenswertes Buch mit dem oben schon beschriebenen Bruch, den ich auch als etwas unausgegoren empfinde. Vielleicht sind die verschiedenen Abschnitte ja auch zu verschiedenen Schaffensphasen entstanden und ließen sich zum Schluß nicht mehr wirklich unter einen Hut bringen. Die zuerst eigentümlich anmutenden zeitlichen Sprünge ergaben für mich letztlich ein logisches, nicht ein chronologisches Konzept des Ganzen.
Der Waschzettel auf der Rückseite enthält aus meiner Sicht etwas richtiges und etwas falsches.
Falsch: rasende Komik. Ich habe kein einziges Mal wirklich gelacht, selbst im ersten Teil nicht.
Richtig: Nähe zu Nick Hornby. Zwar habe ich von Hornby nur Fußballfiber gelesen, da dies aber als ein für Hornby typisches Buch gilt, reicht das vielleicht für den Vergleich. Bei Hornby kann ich übrgens schallend lachen. Bei Tom Liehr erscheinen mir Pointen aufgesetzt und endlos vorher angekündigt. Vielleicht verstehe ich auch mehr von Fußball und seinem Umfeld als von Männer-WGs, in denen Frauen nur als so eine Art merkwürdig andere Lebensformen, gewissermaßen unverständliche Phänomene, auftauchen.
Als Zusammenfassung würde ich schreiben: Der Roman bechreibt eine reine Männerwelt aus Männerperspektive, wandelt sich später im Sinne von Hennis Lehr- und Wanderjahre. Eine wichtige Rolle spielen Fragezeichen und strukturieren den Roman in folgende Abschnitte: Welt ohne Fragezeichen, Welt ein einziges oder tausende von Fragezeichen, Welt ohne Fragezeichen.
Lieben Gruß
LIH
11.11.05, 10:11:53
Baba Yaga
Zitat:
Der Roman bechreibt eine reine Männerwelt aus Männerperspektive
was m.E. dazu führt, dass Frauen meist als skurile Comicwesen vorkommen (Tina, Susanne, Barbra etc.) oder als Ikone der gebrochenen, aber (deshalb?) letztlich alles vergebenden Weiblichkeit (Andrea) hochstilisiert werden. Klischees, die nicht mal originell sind (da sind mir Gonzos lieber). Einzig die Frau, die ihren Mann aus der Kneipe abholt, hatte sowas wie Leben.
Und die Gewaltstory zur Erklärung und Zeichnung von Andreas Persönlichkeit fand ich ausgesprochen dürftig, aber das geht mir mit der ganzen Seelenheilkunde so, die im zweiten Teil des Romans ja geballt stattfindet. Die Wandlung des Protagonisten, die ja nur durch massive Schicksalsschläge herbeigeführt werden kann, die therapeutische Begleitung durch einen schwulen Engel (auch noch aus dem Off), die tragenden Elemente dieser Transformation "Tod, Freundschaft, Liebe" muten fast schon esotherisch an. Zumal für mich daraus nicht ersichtlich wird, warum aus dem "schlimmen, verantwortungslosen Kind" doch noch ein reifer, beziehungsfähiger Kneipenwirt wird, der wieder zu den Guten gehört, und warum seine Frau dann doch wieder zu singen anfängt.
Ich habe den ersten Teil gerne gelesen und fand die detaillierten Beschreibungen der Kneipen, der Wg, der Atmosphäre und Stimmung dieser Lebensart gut getroffen. Der zweite Teil ist als Ferienlektüre ebenfalls ganz unterhaltsam, wenn man die darin untergebrachten seelischen Prozesse nicht rasend ernst nimmt. Aber verlangt ja laut Kurzbeschreibung auch keiner.
11.11.05, 18:34:30
Nifl
Wieder musste ich Stellen finden, in denen sich Tom eingemischt hat ... der Figur Worte in den Mund legte, die einfach nicht zu ihr passen. Ein Taxifahrer aus asozialem Milieu, der in seiner Freizeit nichts tut als saufen und sich durch TV-Kanäle zu zappen spricht plötzlich von Empathie, Paradigmen und Metaphorik ... äh NE ! Ich denke er sollte unbedingt im nächsten Buch aus der Kinderschuhicherzähltechnik raus, dann kann er sich nach Lust und Laune einbringen. So gut wie er sämtliche Figuren skizziert (besonders gut die Äußerlichkeiten), so mies finde ich den Ich-Erzähler. Ständig lässt er sich zB. über die Kleidung von anderen aus ... aber wie er zB. selbst gekleidet ist, nur ein großes Fragezeichen. (das macht ihm scheinbar Spaß ... zB. frage ich mich gerade , warum er am Anfang Iris so deutlich gezeichnet hat ?... kommt die noch mal ?) Auch sonst habe ich alle Figuren sehr deutlich vor Augen, nur ihn nicht.
Die ständige Sauferei geht mir auch auf die Nerven.
Auf Seite 95 fängt er plötzlich an zu heuen ? hä? Da kann ich nach der Anlage auch nur NE sagen. Er spürt auf der Beerdigung von Sal nur Durst ... trotz Trauerumfeld und dort plärrt er plötzlich los ? ... ohne Steigerung ohne nichts ?
11.11.05, 18:39:39
Nifl
was m.E. dazu führt, dass Frauen meist als skurile Comicwesen vorkommen (Tina, Susanne, Barbra etc.) oder als Ikone der gebrochenen, aber (deshalb?) letztlich alles vergebenden Weiblichkeit (Andrea) hochstilisiert werden. Klischees, die nicht mal originell sind (da sind mir Gonzos lieber). Einzig die Frau, die ihren Mann aus der Kneipe abholt, hatte sowas wie Leben.
Und die Gewaltstory zur Erklärung und Zeichnung von Andreas Persönlichkeit fand ich ausgesprochen dürftig, aber das geht mir mit der ganzen Seelenheilkunde so, die im zweiten Teil des Romans ja geballt stattfindet. Die Wandlung des Protagonisten, die ja nur durch massive Schicksalsschläge herbeigeführt werden kann, die therapeutische Begleitung durch einen schwulen Engel (auch noch aus dem Off), die tragenden Elemente dieser Transformation "Tod, Freundschaft, Liebe" muten fast schon esotherisch an.
Super. Genau so sehe ich das auch.
13.11.05, 12:46:53
Tommy Gärtner
Zitat:
Ein Taxifahrer aus asozialem Milieu, der in seiner Freizeit nichts tut als saufen und sich durch TV-Kanäle zu zappen spricht plötzlich von Empathie, Paradigmen und Metaphorik ... äh NE
Ja, die Henry-Figur ist eindeutig so eindimensional angelegt, daß auch gewisse andere, schnell eingeführte Eigenschaften die Glaubwürdigkeit dieser Figur sabotieren. Wenn z.B. von seinem Leseverhalten die Rede ist und plötzlich eine Artillerie der belletristischen Namen aufgefahren wird:
Zitat:
John Updike, Phillip Roth, John Irving, Jonathan Franzen, Don DeLillo - meine Lieblingsautoren.
Wer soll das glauben? Hätte eher damit gerechnet, daß Tom Liehr ihm während der Taxi-Pausen einen Playboy oder eine Bild-Zeitung in die Hand drückt.
13.11.05, 13:26:57
Tommy Gärtner
Meinem Eindruck nach wird der Autor immer wieder das Opfer seiner maßlosen Übertreibungen. So etwa, wenn er schreibt:
Zitat:
...all mein Hab und Gut im Laderaum. Das ging ständig so. Ich wohnte maximal drei Tage bei irgendeiner Frau, bevor sie mir oder ich ihr auf den Geist ging, dann wieder irgendwo, gelegentlich bei Kumpels, zwei Wochen sogar bei Harry (...) Manchmal - wie dieses Mal - lebte ich im Mietwagen.
Ein solches vagabundierendes Leben ohne festen Wohnsitz entwirft der Autor selbstverständlich nicht ohne Grund. Er will damit seinen Protag Henry charakterisieren. Dabei macht er es sich zu einfach und vergißt ein paar Kleinigkeiten. Denn zu diesem Zeitpunkt läßt er ihn einen Taxischein machen.
Den möchte ich sehen, der ohne festen Wohnsitz und Postanschrift einen P-Schein machen kann. Offenbar entgehen Tom Liehr eine Menge Details, die durch seine Überzeichnungen und Übertreibungen dann innerhalb der Geschichte nicht mehr möglich sind.